Four Lions

Dschihad für Anfänger

Eine Filmkritik von Florian Koch

Wer hätte gedacht, dass im nordenglischen Sheffield islamistische Terrorzellen existieren. Aber die erste Sequenz von Four Lions beseitigt alle Zweifel. Da sitzt doch ein junger Mann vor der Kamera und dreht ein Bekennervideo. Gut, er muss ein wenig die Sitzposition korrigieren, aber ansonsten… Plötzlich kommt eine mahnende Stimme von außerhalb –irgendwas stimme nicht mit der Waffe. Sie sei viel zu klein, sähe nicht im Geringsten gefährlich aus. Waj (Kayvan Novak) rückt jetzt noch näher an das Objektiv heran, aber es hilft alles nichts, der Dreh muss abgebrochen werden und die Inszenierungs-Diskussion unter den vier anwesenden Möchtegern-Mujahideen ist bereits im vollen Gange.

Bereits der Prolog von Four Lions macht klar, dass es sich bei den Film-Protagonisten um Selbstmordattentäter-Amateure handelt. Omar (Riz Ahmed), der intelligenteste der Chaotentruppe, ist von der Idee des Heiligen Krieges so fasziniert, dass er mit seinem minderbemittelten Kumpel Waj sogar ein pakistanisches Terroristenlager aufsucht. Dort stellen sich die Beiden aber so tollpatschig an – eine Rakete geht hier sogar im wahrsten Sinne des Wortes nach hinten los – dass sie ganz schnell wieder die Heimreise antreten. Den Plan vom Sprengstoffanschlag verwirft Omar nach dieser Schmach allerdings nicht. Gemeinsam mit dem militant-aggressiven Konvertiten Barry (Nigel Lindsay), dem ängstlichen Bombenbastler Faisal (Adeel Akhtar) und dem Dschihad-Rapper Hassan (Arsher Ali) soll der ganz große Coup gelingen. Während Barry eine Moschee angreifen will, setzt sich am Ende doch Omar mit seiner wahnwitzigen Idee durch, den Londoner Marathon ins Visier zu nehmen.

Christopher Morris (Brass Eye) ist im britischen Fernsehen kein Unbekannter. Seine medialen Rundumschläge sind so gefürchtet wie beliebt, sein kompromissloser Witz rückt ihn in die Nähe eines Sacha Baron Cohen (Borat). Mit Four Lions inszenierte der 45-Jährige jetzt sein Spielfilm-Debüt, das prompt mit dem Fresh Blood-Award als bester Nachwuchsfilm auf dem Fantasy Filmfest 2010 ausgezeichnet wurde. Wie einst einem Charlie Chaplin (Der große Diktator) gelingt es Morris, dem Schrecken des Terrors den Satire-Spiegel vorzuhalten. Mit seinen überzeichneten Figuren und einer wahnwitzigen Situationskomik demaskiert Morris die perverse Idee des "Heiligen Kriegs" als krankhaft-lächerlich und kann mit dieser filmischen Herangehensweise am Ende vielleicht sogar mehr erreichen als ein bedächtiges Dokudrama. Beim Dreh von Four Lions ließ sich Morris wohl von der Maxime des bewussten Zuweitgehens leiten: Da sollen Krähen als Bombenträger abgerichtet werden, nur um am Ende doch im Vogelhimmel zu landen. Oder man rennt mit hochexplosiven Inhalten in harmlos wirkenden Einkaufstaschen einfach mal so am helllichten Tag durch Sheffield. Wenn der Zuschauer glaubt, es könnte nicht mehr absurder werden, setzt Morris immer noch eine Szene obendrauf. Natürlich entstehen dabei auch ein paar Albernheiten und so mancher Witz wiederholt sich auch, aber dennoch verliert der Film bis zum bitteren Ende nichts von seiner Schärfe.

Grandios gelingt dem Regisseur vor allem die Milieuschilderung. Omar ist überhaupt kein gefrusteter, fanatischer Eigenbrötler, sondern ein freundlicher Familienmensch, der seiner Frau im Kleinbürgerhaushalt am Laptop auch noch stolz seine Terrorvideos zeigt oder dem aufgeweckten Sohnemann den König der Löwen als Gute-Nacht-Märtyrergeschichte erzählt. Diese geniale Überspitzung erhält noch zusätzliche Nahrung mit der Einführung seines Bruders. Ausgerechnet dieser strenggläubige Moslem will Omar vom Selbstmordattentat abhalten, aber scheitert dabei schon im Ansatz, wenn er nicht einmal den gleichen Raum mit der Frau seines Bruders teilen will.

Das Konzept von Four Lions würde trotz des intelligenten und spritzigen Drehbuchs nicht aufgehen, wenn in der Besetzung und in der Ästhetik entscheidende Fehler passiert wären. Aber auch hier hat Morris seine Hausaufgaben gemacht. Alle Darsteller sind typgerecht gecastet worden und spielen ihre Rollen so ernsthaft, dass sie sich nicht nur ihre Würde bewahren, sondern sogar einen gewissen Identifikationsfaktor zulassen. Das betrifft vor allem Omar, der von dem großartigen Nachwuchstalent Riz Ahmed verkörpert wird. Seine Verzweiflung an den dümmlichen Kompagnons ist durchweg nachvollziehbar, seine Intention, sich selbst und andere Unschuldige in die Luft zu sprengen, aber umso weniger. Dieser Kontrast in seinem Verhalten und in seiner Gesinnung passt auch zur beliebten Debatte, warum sich sogar intelligente Studenten für den Dschihad das Leben nehmen wollen. Ihren Höhepunkt findet die Farce in der Szene, als die Islamisten zum Anschlag nach London aufbrechen, im Auto aber zu Dancing in the Moonlight mitsingen, als stünde eine große Party an. Auch formal wählt Morris einen klugen Ansatz, indem er auf technische Spielereien wie Split-Screen oder Zeitlupen verzichtet und konsequent eine pseudo-dokumentarische Handkamera-Ästhetik durchzieht.

Four Lions hat die politische Sprengkraft des dänischen Karikaturen-Streits auf die Leinwand verfrachtet. Und Christopher Morris gelingt es dabei, den Wahnsinn eines Selbstmordattentats weder zu banalisieren noch ernsthaft zu überhöhen. Für dieses schwierige und höchst unterhaltsame Vabanquespiel gebührt dem Regisseur der allerhöchste Respekt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/four-lions