Suicide Club

Optisches Anti-Depressivum

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Schon die Grundidee ist vielversprechend: Drei Männer und zwei Frauen treffen sich bei Sonnenaufgang auf einem Hochhausdach, 20 Stockwerke über der Stadt. Die völlig unterschiedlichen Charaktere verbindet nichts. Außer der – vermutlich per Internet – verabredeten Idee, gemeinsam in die Tiefe zu springen. So stehen sie also direkt am Abgrund, einer zählt bis drei. Aber kurz bevor er die letzte Zahl aussprechen kann, taucht in der menschenleeren Straße eine Zeitungsausträgerin auf. Der wollen die Fünf den Tag nicht verderben. Sie verschieben den kollektiven Selbstmord auf den Sonnenuntergang. Doch bis dahin wird einiges geschehen.

Ob der Film seine Ausgangslage dem Roman A long way down von Nick Hornby entnommen hat, ist nicht ganz klar. Auf der Filmwebsite und in den Pressematerialien finden sich darauf keine Hinweise. Sicher ist nur, dass sich in dem 2005 auf deutsch erschienenen Buch von Hornby ebenfalls mehrere Lebensmüde auf einem Hochhausdach treffen. Und deutlich ist auch, dass sich der Fortgang der Handlung in Film und Buch sehr unterscheidet – die Filmrechte für den Roman hat übrigens Johnny Depp gekauft. Wie auch immer, der Einfall ist jedenfalls klasse und bietet viel Stoff für komische und tragische Verwicklungen. Martin Saumer, der mit seinem Regisseurs-Bruder Olaf gemeinsam das Drehbuch schrieb, hat sich einiges an Verwicklungen einfallen lassen. Vor allem die humorvollen Seiten, die er dem Thema abgewinnt, lassen einen einfühlsamen Blick auf die Kuriositäten erkennen, die das Leben gerade in seinen tragischsten Momenten zutage fördert.

Aber es ist auch ein ambitioniertes Vorhaben, auf das sich die Brüder gemeinsam mit ihren Hauptdarstellern eingelassen haben, die den Abschlussfilm an der Kunsthochschule Kassel alle ohne Gage unterstützten. Über ein solches Thema macht man ja normalerweise keine Witze, und deshalb müssen ernste und heitere Momente auf dezente Weise ineinandergreifen. Martin und Olaf Saumer lösen das, in dem sie wie in einer Wellenbewegung Drama und Komödie einander abwechseln lassen, also immer wieder zur Tragik zurückkehren, selbst wenn sie kurz zuvor ordentlich auf die Irrwitz-Tube gedrückt haben. Das wirkt manchmal etwas angestrengt, vor allem wenn sich die Dialoge um die Motive für den geplanten Suizid drehen. Verlassenwerden, Einsamkeit, Angst vor Nähe – das sind Themen, die leicht ins Klischee umschlagen, wenn sie einfach nur benannt werden.

Solch kleine Schwächen dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Olaf Saumer ein höchst einfallsreicher Film gelungen ist, der sowohl optisch wie dramaturgisch einige Glanzlichter zu bieten hat. Besonders das Timing ist für einen ersten langen Spielfilm bemerkenswert. Immer wenn die Geschichte kurz vor dem Verflachen steht, darf man sicher sein, dass Suicide Club noch ein unerwartetes Ass in der Hinterhand hat.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/suicide-club