Was will ich mehr

Die Liebe der kleinen Leute

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Anna (Alba Rohrwacher), die in Mailand als Versicherungsangestellte arbeitet und die mit dem beleibten Lederwarenhändler Alessio (Giuseppe Battiston) zusammen ist. Man trifft sich mit Freunden, macht gemeinsame Ausflüge, sinkt abends erschöpft ins Bett – es ist der ganz normale Rhythmus eines noch kinderlosen Paares. Doch das soll sich nun ändern: Nachdem Annas Schwester ein Kind zur Welt gebracht hat – der etwas hektische Beginn des Films schildert den eiligen Aufbruch der Schwangeren gemeinsam mit Anna und Alessio – denkt nun auch die Versicherungsangestellte über ein Kind nach. Geht also alles seinen geregelten Gang, ist der weitere Lebensweg nun vorgezeichnet? Mitnichten. Denn auf einer Feier ihrer Firma begegnet sie dem aus dem Süden stammenden Domenico (Pierfrancesco Favino), der bei dem Fest kellnert. Und am nächsten Tag steht der gleich wieder vor ihr, weil er etwas vergessen hat.

Wie Anna lebt auch Domenico in mehr oder weniger geordneten Verhältnissen, er ist verheiratet, hat zwei Kinder und ständig finanzielle Sorgen – und dennoch erwischt es die beiden wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Es folgen heimliche Küsse, nebenbei geschriebene Nachrichten auf das Handy des Anderen, kurze, dem engen Tagesablauf abgetrotzte Begegnungen in einem Motel, Lügen, Missgeschicke. Und über allem schwebt die Gefahr, dass die Affäre irgendwann trotz aller Vorsichtsmaßnahmen auffliegen könnte – was natürlich prompt geschieht und letztlich nur eine Frage der Zeit war. Denn der Zwiespalt zwischen Hingabe und Leidenschaft einerseits und strengster Organisation der Liebschaft andererseits muss zwangsläufig irgendwann einmal schief gehen. Was als heimliche Liebelei schon schwer genug war, fordert nun von allen Beteiligten schwere Entscheidungen. Egal was sie tun, und wie sie sich entscheiden – von nun an wird nichts mehr so sein wie früher...

Wie bereits in Brot und Tulpen / Pane e tulipani (2000) und Tage und Wolken / Giorni e nuvole (2007) geht es Silvio Soldini in seinem neuen Film Was will ich mehr / Cosa voglio di più um das Glück der kleinen Menschen von nebenan, um ihre Träume, Hoffnungen, Ängste und Enttäuschungen. In Zeiten, in denen unser Gefühl für Romantik und Liebe sich vor allem aus den Bildern teurer und entsetzlich lebensferner Machwerke aus Hollywood und TV-Movies-Schrott speist, ist so viel (gleichwohl inszenierte) "Realität" beinahe schon ein Schock.

Ebenfalls ungewöhnlich ist die beinahe asketische Ausgestaltung der Charaktere und ihrer Hintergründe. Oftmals deutet Soldini nur an, verpackt wichtige Informationen in Halbsätzen, Details, kleinen Gesten und Blicken oder klammert sie schlichtweg aus. Wie die beiden Liebenden, so soll auch der Zuschauer lediglich eine Ahnung davon bekommen, wie Anna und Domenico wirklich sind. Es ist ein riskantes Spiel, das Soldini da wagt: Denn während die beiden Liebenden den jeweils Anderen vor allem als Projektionsfläche für die eigenen Wünsche und Defizite benutzen, nimmt der Film zumindest in Kauf, dass die Faszination und Leidenschaft zwischen Anna und Domenicos stets ein wenig mysteriös bleibt. Vielleicht, so vermutet man, geht es bei dieser Affäre ja gar nicht um Sex oder gar Liebe, sondern vielmehr um unerfüllte Sehnsüchte, die auf den jeweils anderen übertragen werden.

Er habe, so bekennt Silvio Soldini, sich vor allem bei den (wenigen) Sexszenen von Patrice Chereaus Film Intimacy inspirieren lassen. Leider hinkt der Vergleich trotz gewisser Ähnlichkeiten ein wenig, denn bei aller Schicksalsschwere erreicht Was will ich mehr diese nihilistische Kälte und nackte Verweiflung in keinem Moment. Stattdessen ist Soldinis Werk ein viel behutsamerer Film, der vor allem durch seine exzellenten Darsteller besticht. Sie und die oftmals fast dokumentarisch anmutenden Bilder (Kamera: Ramiro Civita), die sich ganz nahe an die abgespannten, müden, verzweifelten und dann wieder für einen verschämten kleinen Moment glücklichen Gesichter heranwagen, machen das wett, was sich im Verlauf der Geschichte einer ganz normalen Affäre an Längen einschleicht.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/was-will-ich-mehr