Let Me In

Von Schweden in die USA - Remake eines skandinavischen Kultfilms

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

So kommt man nicht umhin beide Filmversionen, die schwedische und die amerikanische, miteinander zu vergleichen. Reeves Let Me In verlegt die Geschichte in die 1980er Jahre (und damit in die tiefste Ronald Reagan-Zeit) und ins winterlich-düstere New Mexico. Dort wächst Owen (Kodi Smit-McPhee) allein bei seiner alkoholkranken Mutter auf und wird in der Schule von drei Bullies gehänselt und malträtiert. Eines Tages zieht Abby (Chloe Moretz) mit einem älteren Mann in die Nachbarwohnung ein. Abby riecht eigenartig, geht nicht zur Schule und hat nie Schuhe an, obwohl es Winter ist und Schnee liegt. Trotzdem fühlt sich Owen von dem eigenartigen Mädchen angezogen und beide beginnen eine zögerliche Freundschaft. Als Abbys älterer Begleiter stirbt und sie allein zurück bleibt, offenbart sich das Mädchen Schritt für Schritt. In Wahrheit ist sie kein unschuldiges Kind, sondern ein Vampir. Während die Todesrate in der Umgebung dramatisch steigt, ändert sich die Kinderfreundschaft und Owen taucht mehr und mehr in Abbys Welt ein.

Reeves kommt erfreulich nah an die düstere, bedrückende Atmosphäre des Originals heran. Das Umplatzieren des Stoffes passt herrlich in die Reagan-Ära und gibt der Geschichte somit die Möglichkeit eine unterschwellige Metapher für das damalige "Gut und Böse"-Denken zu sein. Auch die Charaktere Owen und Abby halten relativ gut mit ihren Originalen mit. Allerdings wurde die mit unter sehr düstere und ambivalente Urgeschichte dann doch ein wenig amerikanisiert – sprich glatt gebügelt. So werden einige Informationen, die in der schwedischen Version und im Buch nur implizit angedeutet werden, offen auf den Tisch geknallt und detailliert erklärt. Das nimmt dem Film ein wenig seine Tiefgründigkeit und Komplexität. Eine weitere Kante, die einfach weggeschmirgelt wurde, ist die ambivalente Frage nach Abbys Geschlecht. Dass sie nicht wirklich ein Mädchen sei, das sagt sie zwar, doch ansonsten wird sie eindeutig weiblich dargestellt. Die gesamte Storyline des Originals, in der der Vampir vor seiner Verwandlung kastriert wurde und damit nicht nur zwischen Leben und Tod, sondern auch zwischen den Geschlechtern verweilt, war Reeves für seine Mainstream-Version dann doch zu heikel. Unter dem Verweis, das würde die Zuschauer verwirren und ablenken, entfernte er diesen Erzählstrang. Insgesamt kümmert sich die Version mehr um Owen, den Menschenjungen und seine Probleme mit den Erwachsenenwerden als um die riskanten Fragen, die Abbys Dasein aufwirft.

Trotz der erheblichen Änderungen, Let Me In ist atmosphärisch, kommt mit einem großartigen Set- und Sounddesign daher und lässt seine Darsteller, allen voran Moretz und Smit-McPhee Freiraum, sich in düsterer Melancholie zu suhlen. Es bleibt nur die Frage nach dem Sinn solcher Remakes. Laut Produzent Simon Oakes galt es die großartige Geschichte einem breiteren Publikum schmackhaft zu machen, dass eben keine Lust auf schwedische Filmkunst mit Untertiteln hat. Für Oakes ist Let Me In eine Hommage an das Original. Böse Zungen mögen behaupten, es wäre nur ein Abklatsch in amerikanisierter Version, die ein weiteres Mal bezeugt, dass Hollywood gern gute Geschichten klaut. Doch das liegt wohl im Auge des Betrachters.

Letztendlich kann man Reeves Version als gelungen und unterhaltsam betrachten. Wenn auch nicht ganz so gut wie das Original. Untertitel lesen lohnt sich eben manchmal doch.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/let-me-in