Secretariat - Ein Pferd wird zur Legende

Helden der Rennbahn

Eine Filmkritik von Lida Bach

Eine stumme Kreatur ist die Titelfigur von Secretariat im wörtlichen Sinne. Seine Augen, in denen der Zuschauer wie Penny versinken soll, sind Fenster zu einer Seele, die dem Regisseur gleichgültig scheint. Nie habe er Pferde wirklich verstanden, sagt Secretariats Trainer Lucien Laurin (John Malkovich) gen Ende. Wie ihm ging es augenscheinlich Wallace. Über Pferde und Rennsport, erfährt man wenig. Umso mehr dafür über Nostalgie, konservative Wunschträume und die Realitätsflucht in eine idealisierte Vergangenheit. Die Stilisierung von Kraft und unerbittlichem Kampfgeist lässt die Wettläufe fast martialisch erscheinen. Glaubt man der Filmhandlung, ist Secretariat in den USA eine nationale Ikone, eine lebensechte Version von Black Beauty, nur nicht in schwarz – was ihn noch besser zu der weißen Oberschicht, die Pennys Familie repräsentiert, passen lässt. Die Heroisierung eines Rennpferdes zur historisch bedeutenden Figur verleiht der Geschichtsbeschönigung den letzten Schliff. Mensch und Pferd leben in der malerischen Szenerie edler Rennställe, grüner Weiden und kostspieliger Vergnügungen. Dass diese verlockend schillernde Seifenblase nicht die Welt, sondern ein Mikrokosmos ist, verleugnet der Familienfilm. Die Triple Crown ist wichtiger als Watergate, der Kämpfe auf der Rennbahn spannender als die Kämpfe in Vietnam.

Als romantische Fabel über die Freundschaft zwischen Mensch und Tier vermag die aufwendig inszenierte Disney-Produktion ein Kinderpublikum, das die geschichtlichen Hintergründe nicht kennt, leidlich zu unterhalten. Zumuten möchte man ihnen die reaktionäre Moral nicht. Für Pferde ist Rennsport kaum das Vergnügen, als das es dargestellt wird. Doch antreibende Musik untermalt Secretariats Galopp zum nächsten Sieg, so laut, dass neben dem Hufdonner jeder Einwand übertönt wird. Sorge gilt nicht dem Tier, sondern dem Geld, dass auf es gesetzt wurde. Aufgesetzt ist auch die typische Underdog-Geschichte. Penny und Secretariat sind das Gegenteil von Verlierer-Typen. Sie eint die edle Abkunft und unerschütterliche Erfolgsgewissheit. Gegen das Leben selbst sieht sie sich anlaufen und wie alle anderen Rennen endet auch dieses für sie siegreich.

"Es geht nicht darum zu gewinnen, sondern darum, ob wir glauben, gewonnen zu haben", heißt es einmal. Tatsächlich geht es nur darum, zu gewinnen. Den Siegeswillen habe sie von ihrem Vater geerbt, verkündet Penny, womit sie ihr Überlegenheitsgefühl unterstreicht. Ihr Pferd sei kein Pferd: "He's Secretariat." Prescht der Hengst zu Beginn durch Dunstschwaden während Diane Lane ein Bibelzitat anstimmt, gleicht dies nahezu Heiligenverehrung. Heroisiert werden vor allem die von Secretariat symbolisierten sozialen, politischen und moralischen Werte; Werte einer wohlhabenden christlich-konservativen Elite, getragen von einer kruden Vorstellung eigener genetischer Überlegenheit. Hätte Nietzsche seinem Übermenschen ein Pferd zur Seite gestellt, wäre es vermutlich Secretariat gewesen.

Vielleicht hätte Nietzsche auch das Pferd weinend umarmt, voller Mitleid für die geschundene Kreatur und Verzweiflung über die Welt, welche sie zu ihrem Zweck vor den Karren spannt. Auch über dieses Pferd gibt es einen Film. Wann und ob er in die Kinos kommt, ist unklar. Vorerst läuft Secretariat. Nicht überall sind die Startchancen so fair wie auf der Rennbahn.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/secretariat-ein-pferd-wird-zur-legende