Home for Christmas

Oh, du Fröhliche...

Eine Filmkritik von Paul Collmar

Rund zehn einzelne Geschichten sind es, von denen Home for Christmas erzählt. Gemeinsam ist diesen Geschichte nur, dass sie alle zur gleichen Zeit (eben rund um Weihnachten) am gleichen Ort, einem kleinen norwegischen Dorf namens Skogli spielen. Sie handeln vom Tod und (natürlich) von der Geburt eines Kindes, von Freude und Trauer, vom Ende einer Affäre und dem Beginn einer Liebe. Vor allem aber geht es um die Suche nach Heimat, Geborgenheit und (familiären) Bindungen, denn an einem besonderen Abend wie diesem ist niemand gern allein...

Ziemlich abwechslungsreich ist das Potpourri aus Geschichten, die Bent Hamer hier zusammengesponnen hat. Wie stets bei Episodenfilmen sind nicht alle Storys gleich stark und überzeugend. Äußerst berührend und dennoch ungemein erheiternd ist ohne Zweifel die Episode rund um Paul (Trond Fausa Aurvåg), der seine Kinder seit mehr als sieben Wochen nicht mehr gesehen hat und der nun auch nach dem Willen seiner Ex-Frau (Kristine Rui Sletterbakken) die Geschenke erst nach dem Fest zuhause abliefern darf. Doch Paul hat seine eigenen Pläne. Und in denen spielt der Arzt Knut (Fridjov Såheim) eine nicht unwesentliche Rolle, der später in der Nacht noch zu einer Geburt gerufen wird, die beinahe eine Neuauflage des Ereignisses vor mehr als zweitausend Jahren sein könnte. Zudem ist da noch die Geliebte (Nina Andresen-Borud) eines verheirateten Mannes (Tomas Norström), der ausgerechnet am Heiligen Abend verdeutlicht, dass er seine Frau frühestens dann verlassen wird, wenn die Kinder aus dem Haus sind - wenn überhaupt. Die Rache der Geliebten folgt auf dem Fuß. Doch sie sind nicht die Einzigen, die an diesem Abend unter dem hellen Nordlicht, das beinahe wie das Zwillingsgestirn des Sterns von Bethlehem erscheint, ihre Erfarhungen machen und teilweise recht bittern Lehren ziehen müssen.

Überhaupt geht es, wie bereits der im Kosovo spielende Prolog des Films klarmacht, vor allem um die Außenseiter, die Gestrauchelten, die Verzweifelten, die Säufer, die Unglücklichen, die Flüchtlinge und die Einsamen – all jene also, die trotz gegenteiliger Beteuerungen, an Weihnachten ebenso wenig zu lachen haben wie das ganze Jahr über.

Wie bei einem anderen skandinavischen Regisseur, dem Finnen Aki Kaurismäki, setzt auch Hamer in seinem neuen Film immer wieder auf punktgenaue, aufs äußerste reduzierte Dialoge, auf ausgeklügelte Farbakzente (hier naturgemäß vor allem in den Farben Rot und Grün), auf minimale Gesten, auf die Balance von Tristesse und Ernst und einem eher stillem Humor der grimmigen Art – typisch skandinavisch eben. Auch die beinahe schon zärtlichen Beobachtungen der Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, eint den Norweger mit seinem finnischen Bruder im Geiste.

Was Home for Christmas bei aller Unterschiedlichkeit der Geschichten und bei aller widerborstigen Märchenhaftigkeit auszeichnet, ist vor allem das Grundgefühl, das den Film wie ein Leitmotiv durchzieht: auch wenn sich am Ende beinahe alles wieder zum Guten fügt, überkommt einen danach die dunkle Ahnung, dass die eigentliche Botschaft von Weihnachten im Getöse verloren zu gehen droht.

Auch wenn der Film über alle Episoden hinweg betrachtet nicht an Bent Hamers Kitchen Stories und O'Horten heranreicht, bietet er doch ein wohltuendes Kontrastprogramm zum weihnachtlichen Kitsch à la Hollywood.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/home-for-christmas