Sarahs Schlüssel

Die Unentrinnbarkeit des Erinnerns

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Bereits vor kurzem ist mit Die Kinder von Paris ein Film in die Kinos gekommen, der sich mit der Razzia und der anschließenden Internierung (in Frankreich kennt man das Ereignis nur als "la grande rafle du Vél d'Hiv" beschäftigt hat. Obwohl in Frankreich von öffentlicher Seite lange Zeit darüber geschwiegen wurde, weil auch französische Behörden bei den Razzien eifrig mithalfen, sind dies nicht die ersten filmischen Auseinandersetzungen mit dem dunklen Kapitel der Geschichte des Landes. Bereits 1977 drehte Joseph Losey mit Monsieur Klein einen eindrucksvollen Film, der die Rafle du Vél d'Hiv thematisierte. Bereits drei Jahre zuvor hatte Michel Mitrani mit Les Guichets du Louvre sich des Topos angenommen und 1992 folgte mit Les Enfants du Vél d’hiv (Regie: Maurice Frydland) auch eine dokumentarische Aufarbeitung.

Gilles Paquet-Brenners Film Sarahs Schlüssel, der nun in Deutschland in die Kinos kommt, ist also keineswegs die erste filmische Auseinandersetzung mit dem Thema. Ungewöhnlich ist er dennoch – und zwar deshalb, weil in diesem Film anders als in den vorherigen Aufarbeitungen Gegenwart und Vergangenheit eng miteinander verflochten sind und ein dichtes Gewebe bilden, das daran erinnert, wie wichtig der Kampf gegen das Vergessen ist – auch heute noch.

Zum einen erzählt Sarahs Schlüssel von der zehnjährigen Sarah Starzynski (Mélusine Mayance), deren Familie zu den Betroffenen der Razzia gehört. Geistesgegenwärtig versteckt das Mädchen den kleineren Bruder in einem Wandschrank und nimmt den Schlüssel mit, um ihn später zu befreien. Und wie durch ein Wunder gelingt es Sarah später, den Deportationen in die Todeslager zu entkommen, so dass sie sich auf den weg macht, um ihren Bruder aus dem Gefängnis zu befreien.

Die zweite Handlungsebene des Filmes, der auf dem gleichnamigen Bestseller-Roman von Tatiana de Rosnay beruht, spielt in der Gegenwart: Die mit dem Franzosen Bertrand (Frédéric Pierrot) zusammenlebende amerikanische Journalistin Julia Jarmond (Kristin Scott Thomas), die sich beruflich für die Deportationen der Juden aus Paris interessiert (sie soll zum 60. Jahrestag der Razzia einen großen Artikel darüber schreiben), bezieht eine Wohnung, die Bertrands Familie seit vielen Jahren gehört – es ist die Wohnung, in der früher Sarah und ihre Eltern lebten. Bei ihren Recherchen entdeckt Julia nicht nur die Geschichte der vorherigen Bewohner, sondern bringt auch vieles über die Verstrickung der Franzosen während der Besatzungszeit in Erfahrung – und zwar mehr, als ihr lieb sein kann. Denn die Monster der Vergangenheit wirken bis in die Gegenwart nach und zeigen ihr hässliches Gesicht in den verschiedensten Ausprägungen.

Vergisst man die allzu konstruiert wirkende Prämisse des Filmes, dass just eine Journalistin, die über die Deportationen von Juden in Frankreich recherchiert, in eine Wohnung zieht, in der sich genau solch ein Drama ereignet hat, so fesselt Sarahs Schlüssel dank seiner teilweise überaus poetischen Bilder, seiner Vielschichtigkeit und seiner ausgezeichneten Darsteller, unter denen einmal mehr Kristin Scott Thomas eine eindrucksvolle Leistung zeigt. Dass sie dank ihrer Mehrsprachigkeit auch in französischen Filmen Außerordentliches zu leisten imstande ist, hat sie ja bereits in So viele Jahre liebe ich dich von Philippe Claudel unter Beweis gestellt. Neben ihr sind es vor allem Mélusine Mayence und der Däne Niels Arestrup, deren Spiel über so manche Unebenheiten des Drehbuchs um einiges leichter hinwegsehen lassen.

Denn so sehr Julias eigene Probleme wie ihre Ehe und ihre Schwangerschaft sie nicht nur als Mittlerin der Vergangenheit charakterisieren sollen – angesichts der Tragödien der Vergangenheit wirken ihre Sorgen und Nöte beinahe nichtig. Obwohl sie dies für sich genommen nicht sind und auch nicht so wahrgenommen werden sollten.

Dennoch ist Sarahs Schlüssel durchaus ein Film mit Langzeitwirkung, der vor allem in Frankreich, aber auch hierzulande die Rufe nach einem Abhaken (oder Verdrängen) der Vergangenheit zum Schweigen bringen sollte. Sofern ein Film wie dieser dies bewirken und die Unbelehrbaren überhaupt erreichen kann. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/sarahs-schluessel