Mein Leben im Off

Theaterreifer Beziehungsclinch

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Eigentlich ist Frank (Thomas Schmauser) mehr ein Möchtegern-Autor. Einer, der seit Jahren vom großen Durchbruch träumt, aber noch nichts Verwertbares zu Papier gebracht hat. Statt dessen jobbt er in einer Kneipe, in der er anderen verhinderten Kreativen sein Leid klagt. Und spart die Miete, weil in der schwulen Partnerschaft sein Freund Akim derjenige ist, der die Kohle ranschafft. Aber alles ändert sich, als Frank in besagter Straßenbahn Kathrin (Katharina Marie Schubert) kennenlernt. Eine Frau, die so ganz anders ist als er: mit beiden Beinen fest auf dem Boden, zielstrebig und schlagfertig, sowohl im übertragenen als auch im wörtlichen Sinn.

Frank läuft Kathrin nach, lässt sich durch nichts aufhalten und drängt sich in ihr Leben. Schließlich verabreden beide einen Deal. Frank darf kostenlos bei Kathrin wohnen und macht dafür den Haushalt. Berührungen sind bei dieser Art von schwul-heterosexuellem Zusammenleben tabu, Fragen auch. Denn Kathrin verbirgt ein Geheimnis. Und das erschöpft sich nicht darin, dass sie schwanger ist.

Natürlich bietet allein schon der Charaktergegensatz zwischen dem ungewöhnlichen Paar jede Menge Stoff für Komik und Hintersinn. Aber das ideenreiche Drehbuch (ebenfalls von Oliver Haffner) mit seinen lakonischen Dialogen hat mehr in der Hinterhand. Es zeichnet zwei Charaktere, die jeder für sich eine Seite in sich tragen, die erst noch zum Vorschein kommen muss. Frank ist nicht bloß der narzisstische Egomane und Kathrin nicht nur die patente Powerfrau. Das gibt den beiden Hauptdarstellern, die jahrelange Theatererfahrung an großen Bühnen haben, eine Steilvorlage, die sie trefflich zu nutzen wissen. Thomas Schmauser ist hier in seiner ersten großen Filmrolle zu sehen, Katharina Marie Schubert ist zum Beispiel aus Shoppen oder Friedliche Zeiten in guter Erinnerung.

Unter der Regie von Oliver Haffner, der parallel zu seinem Filmstudium seit vielen Jahren als Theaterregisseur arbeitet, laufen die Darsteller zu Höchstform auf. Haffner stellt die tragikomische Bildsprache von Mein Leben im Off ganz in den Dienst der Schauspieler. Er bleibt mit vielen Großaufnahmen nahe an der emotionalen Entwicklung der Figuren, registriert mit der Kamera die ganze Vielfalt dieser an Nuancen, Widersprüchen und Überraschungen wahrlich nicht armen Charaktere. Nur ab und zu erlaubt er sich in seinem ersten langen Spielfilm einen Blick auf die Stadt und ihr soziales Gefüge. Aber dann umso eindrucksvoller. Etwa wenn er beißenden Spott über den "Büroknast" ausgießt, wie eine Kollegin von Kathrin ihre Arbeitsstelle nennt. Oder wenn er seinen Protagonisten durch die Nacht folgt, wo sie von oben sehnsuchtsvoll-romantische Blicke auf die Lichter der Stadt werfen.

Das ist einer jener Momente, in denen sich Frank einigermaßen lebendig fühlt und das Gefühl los wird, er betrachte die Bildfläche nur aus dem Off und nehme nirgends richtig teil. Wie in jedem guten Entwicklungsroman wird er im Laufe der Handlung solche Defizite allerdings überwinden. Schließlich ist er nicht der erste Schriftsteller, dem das Schreiben als Therapie dient. Aber vielleicht der erste, dessen Therapie in der Straßenbahn begann.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/mein-leben-im-off