Die Frau, die singt

Vom Ende des Hasses

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Wenn man ein Symbol für die Spirale sinnloser Gewalt finden müsste, dann wäre der libanesische Bürgerkrieg ein heißer Anwärter. 15 Jahre lang reihte er Massaker an Massaker, mit unüberschaubaren Fronten und ständig wechselnden Koalitionen. Kaum zu glauben, dass vor diesem Hintergrund die Kraft zur Versöhnung überleben konnte. Aber der kanadische Regisseur Denis Villeneuve beschwört in seinem packenden Antikriegsdrama Die Frau, die singt / Incendies genau dieses Wunder. Völlig zu Recht geht sein Film ins Oscar-Rennen um den besten nicht-englischsprachigen Film 2011.
Gewalt in aller Schonungslosigkeit zu thematisieren und daraus die Hoffnung auf einen friedlichen Neuanfang zu destillieren – das gelang Denis Villeneuve bereits in Polytechnique (2009), einer kunstvoll stilisierten und zugleich realistischen Spielhandlung auf der Basis eines Amoklaufs im Jahre 1989 (das "Montreal-Massaker"). Ganz ähnlich, aber auf der Basis einer episch angelegten Familientragödie, wirkt die untergründige Botschaft seines jüngsten Films: ein ergreifendes Plädoyer für die Kraft der Menschlichkeit und die Verbeugung vor einer ungewöhnlich starken Frau.

Denis Villeneuve erzählt von der in Kanada lebenden Nawal Marwan (Lubna Azabal) und ihren Kindern, den Zwillingen Jeanne (Mélissa Désormeaux-Poulin) und Simon (Maxim Gaudette). Die sehen sich nach dem Tod ihrer Mutter mit einem außergewöhnlichen Testament konfrontiert. Sie sollen ihren Vater ausfindig machen, von dem sie glaubten, er sei tot. Und sie sollen ihren Bruder finden, dessen Existenz ihnen bislang unbekannt war. Während Simon sich zunächst gegen den Auftrag sträubt, reist Jeanne in den Nahen Osten, in das Herkunftsland ihrer Familie. Sie erfährt, dass die Mutter dort 15 Jahre im Gefängnis saß, weil sie einen führenden Politiker erschossen hatte.

In teils realistischen, teils poetisch verklärten Bildern schildert Die Frau, die singt / Incendies zwei parallele Handlungen, zum einen die Reise der Kinder und die Suche nach dem Geheimnis ihrer Familie, zum anderen die Geschichte der Mutter vom Beginn ihrer ersten Liebe und der Geburt ihres ersten Kindes an. Dabei enthüllt der Film nach und nach eine Wahrheit, die so unglaublich ist, dass er die Spannung über 130 Minuten mühelos hält.

Einerseits geht es um ein höchst persönliches Schicksal, zugleich aber um ein universelles Thema, das auch jene Menschen berührt, die das Glück haben, in einer Friedensepoche aufgewachsen zu sein: Wie unter dem Druck fürchterlichster Erlebnisse auch der Überlebenswille wächst – und die Kraft, seine Kinder zu retten. Ganz bewusst hat Denis Villeneuve die Handlung nicht namentlich im Libanon verankert, genauso wenig wie dies der aus dem Libanon stammende und heute in Kanada lebende Theaterautor Wajdi Mouawad tat, dessen Stück Incendies dem Film als Vorlage diente. Beide Kunstwerke siedeln die Handlung in einem nicht genannten Land an und benutzen fiktive Städtenamen, obwohl das reale Vorbild deutlich erkennbar ist. Aber mit der Verweigerung der historischen Verankerung machen sie deutlich, dass diese Geschichte überall spielen könnte.

Deshalb ist es dem Film auch nicht so wichtig, deutlich zu machen, auf welcher politischen oder religiösen Seite die singende Mutter mit dem berühmt gewordenen Überlebenswillen nun stand. Klar wird in aller erschütternden Gnadenlosigkeit, aber unter Vermeidung explizit ausgestellter Gräuel, dass diese junge Frau eigentlich keine Chance hatte, dem Strudel von Gewalt und Gegengewalt zu entkommen. Umso erstaunlicher, dass sie es doch geschafft hat. Und ihren Kindern den versöhnenden Auftrag gibt, der Wahrheit ins Auge zu sehen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/die-frau-die-singt