Das Blaue vom Himmel

Familiengeheimnisse und falsche Versprechungen

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Zeugin dieses Umbruchs, der in Deutschland aufgrund der Folgen der Wiedervereinigung nicht genügend Beachtung fand, ist in jenen Tagen auch die Fernsehjournalistin Sofia (Juliane Köhler), die die Ereignisse in Berlin verfolgt. Dann erreicht sie ein Anruf aus Wuppertal, dass man ihre Mutter Marga (Hannelore Elsner) im Zustand geistiger Verwirrung in einem fremden Haus vorgefunden habe und dass diese der Hilfe ihrer Tochter bedürfe. Widerstrebend macht sich Sofia auf den Weg, das Verhältnis zu ihrer Mutter war nie das Beste. Und dennoch kann sie sich ihren Verpflichtungen nicht entziehen. Was die Journalistin aber nicht ahnt: Die Alzheimer-Erkrankung ihrer Mutter bringt ein gigantisches Lügengebäude zum Einsturz und enthüllt ein Geheimnis, das die beiden Frauen schließlich bis nach Lettland führen wird.

Im Grunde ähnelt Das Blaue vom Himmel Hans Steinbichlers vorherigen Filmen Hierankl und Winterreise. Hier wie dort geht es um Lebenslügen und um Reisen, die nicht nur zu fernen Zielen, sondern auch zu Geheimnissen führen, von denen sich mancher der Beteiligten lieber gewünscht hätte, sie wären im Verborgenen geblieben. Diesem Muster folgt nun auch Hans Steinbichler neues Werk, doch es mag sich nicht die gleiche Faszination einstellen, mit der man Winterreise und vor allem Hierankl begegnete. Die Gründe hierfür sind auf den ersten Blick gar nicht so leicht zu fassen, denn neben einer ausgezeichneten und sehr prominenten Besetzung (neben Juliane Köhler und Hannelore Elsner spielen unter anderen David Kross, Juliane Herfurth und Rüdiger Vogler kleine, aber feine Rollen) weiß der Film vor allem durch die streckenweise formidable Kameraarbeit von Bella Halben zu gefallen. Dabei sind es vor allem die Bilder jener Sequenzen, die in die Vergangenheit zurückschweifen, die durch ihr Gespür für Licht und eine große Dynamik der Kamera bestechen.

Bei genauerer Betrachtung aber ist es vor allem die Vollblutschauspielerin Hannelore Elsner, deren Darstellung einer an Alzheimer Erkrankten oftmals übertrieben und deshalb nicht immer überzeugend gerät. Zudem spielt sich die enorm emotionsgeladene Musik von Niki Reiser häufig in den Vordergrund und scheint so die Bilder mit noch mehr Gefühlen als sowieso schon vorhanden pushen zu wollen. Was eigentlich gar nicht nötig wäre und an manchen Stellen einen beinahe schon penetranten Eindruck hinterlässt, der manchmal eher an TV-Melodramen erinnert. Die beabsichtigte Nähe und emotionale Verbindung zu den Figuren, bei denen die Frauen deutlich mehr im Mittelpunkt des Interesses stehen als die Männer, stellt sich indes nicht immer im gewünschten Maße ein. Obgleich Karoline Herfurths Anteil an der Handlung deutlich geringer ausfällt als der von Hannelore Elsner, ist uns die junge Marga deutlich näher als die Marga späterer Jahre. Und das liegt nicht allein an den verwirrten Reden Margas, an ihren repetitven Floskeln, deren Humor seltsam unpassend erscheint.

So ist Das Blaue vom Himmel gleich in doppeltem Sinne ein treffender Titel, was dem Film nicht unbedingt zum Vorteil gereicht. Zum einen bezeichnet er das Lügengebäude, das durch die Erkrankung Margas zum Einsturz kommt. Und zum anderen kündet er von der milden Enttäuschung über diesen Film, der dem enormen Talent Hans Steinbichlers und den zugegebenermaßen großen Erwartungen an ihn nicht ganz gerecht wird.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/das-blaue-vom-himmel