Le Havre

Aus der Zeit gefallen

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Und natürlich der Schuhputzer und Ex-Bohemien Marcel Marx (André Wilms), dessen Geschäfte zwar wegen der vielen Sneakers, Gummistiefel und Sandalen schleppend gehen, der sich aber dennoch nicht unterkriegen lässt. Auch nicht dann, als seine Frau Arletty (Kati Outinen), mit der ihn eine zwar schweigsame, aber liebevolle Beziehung verbindet, ins Krankenhaus muss. Was Marcel nicht weiß: Die Erkrankung der Gattin ist tödlich, doch der Ehemann, der schon genug eigene Sorgen hat, darf davon nichts wissen.

Und dann ist da plötzlich der Junge aus Afrika (Blondin Miguel), der zusammen mit anderen Flüchtlingen im Hafen von Le Havre in einem Container gestrandet ist und dem als einzigem der Immigranten die Flucht gelingt. Der Junge hat Glück, er stößt ausgerechnet auf Marcel, der ihn bei sich aufnimmt und nun mit allen Mitteln versucht, die (illegale) Weiterreise des Kindes nach London zu organisieren, wo die Mutter des Jungen lebt. Zwar ist die Polizei in Gestalt des Kommissars Monet dem Flüchtling dicht auf den Fersen, doch dank der Solidarität der Menschen aus Marcels Viertel gelingt es immer wieder, den Häschern ein Schnippchen zu schlagen. Zudem erweist sich auch der Kommissar, eine französische Version des Inspectors Columbo, am Ende als butterweich. Und das liegt nicht nur daran, dass die Wirtin der Kneipe in Marcels "quartier" eine alte Flamme von ihm ist. Sondern auch an dem prinzipiellen Misstrauen der einfachen Leute (und zu denen zählt in der wunderbaren Welt Kaurismäkis auch ein Polizist) gegen die Maßnahmen des Staates.

Aki Kaurismäki war schon immer ein milder Humanist, ein Wertkonservativer im besten Sinne. Und das ist er auch heute noch, erst Recht in seinem neuen, im Wettbewerb des Festivals von Cannes gezeigten Film Le Havre. Im Grunde ist er ein geistiger Verwandter der Brüder Dardenne - interessiert an den Sorgen und Nöten der kleinen Leute, ein Verfechter solch überkommener und gefährdeter Prinzipien wie Freundschaft, Solidarität und Empathie. Der grundlegende Unterschied zwischen dem schweigsamen Finnen und den beiden Belgiern liegt natürlich in der Lakonie, dem grimmigen Witz, dem unverwüstlichen Optimismus, die seine Filme durchziehen. Und weil ihm seine Figuren so grundsympathisch sind, gönnt er ihnen am Ende noch ein echtes Wunder - durch ihr beharrliches Ankämpfen gegen die Unbilden des Lebens, ihr stilles Erdulden und ihre unbedingte Solidarität haben sie sich das auch allesamt verdient.

Nach wie vor sind Aki Kaurismäkis Filme cineastisches Slow Food für die geschundene Kinogängerseele. Die Zutaten (das schleppende Tempo, die typischen Interieurs, die herrlich maulfaulen Dialoge, seine ganz besondere Art, statt der Worte die wunderbar fotografierten Gesichter der Akteure sprechen zu lassen) sind bekannt und kommen aus eigenem Anbau. Das Rezept seit Jahren erprobt und doch schmeckt es immer wieder verlässlich und hat genügend Eigensinn und Profil, um gegen seelenlos durchdesignte Hollywoodprodukte (gewissermassen das Fast Food des Kinos) einen deutlichen Kontrapunkt zu setzen und zugleich einen treffenden Kommentar zur Flüchtlingsproblematik in Europa abzugeben - ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit viel trockenem Humor. Ein durch und durch erfreuliches Filmmärchen!

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/le-havre