Haus der Sünde

Im Garten der Lüste

Eine Filmkritik von Lida Bach

Das "Apollonide" ist eines der vornehmsten Bordelle der Belle Epoque, deren wörtliche Bedeutung sich in den kostbar ausgestatteten Räumen zu verwirklichen scheint. Vor dunklen Vorhängen und edlen Tapeten räkeln sich die Protagonistinnen in träger Frivolität. Bonello taucht seine Huren in matt schimmerndes Licht, verführerisches Dekor und Messingbadewannen voller Champagner. Er umhüllt sie mit fließendem Haar und fließenden Gewändern, fasziniert von der Üppigkeit der im 19. Jahrhundert versteckten und eingeschnürten Figur der Frauen. Kundschaft betritt erst nach Einbruch der Dunkelheit das Haus der Sünde, dessen Bewohnerinnen sich die Zeit bis dahin mit Körperpflege, Kartenlegen oder einer Landpartie vertreiben. Bei solch einem Ausflug wirken die Mädchen neben der kleinen Tochter und dem Sohn der Hausherrin, als wären sie alle deren Kinder. Sie tauschen Blicke mit den Kunden, die ihre Worte ebenso bedachtsam auswählen wie ihre Gespielinnen, lassen Opiumpfeifen und Sektflöten kreisen und spiegeln sich im grünlichen Schein von Smaragden und Absinth. Sie bleiben auf bis in die frühen Morgenstunden und schlafen bis spät in den Tag.

Ihre trügerisch schöne Welt besteht aus teuren Parfums, von denen jede ihren eigenen Duft hat, intensiven Farben und begehrlich-wehmütigen Musikstücken. Der kongeniale Soundtrack arrangiert die anachronistischen Songs zu einem symphonischen Off-Kommentar, der das Geschehen um eine weitere Ebene vertieft. Obwohl es dem kunstvollen Mosaik nicht an Bausteinen fehlt, wirkt das Handlungsgespinst auf den ersten Blick dünn. Doch wie der vielschichtige Originaluntertitel Souvenirs de la Maison Close verrät, erzählt Bonello keine Geschichte, sondern richtet ein Prisma auf deren Bruchstücke. Es sind menschliche Bruchstücke mit Namen. Lea (Adele Haenel), die an Syphilis erkrankt, Samira (Hafsia Herzi), die an einen Kunden wie auf dem Sklavenmarkt verkaufte Algerierin, die nach 12 Jahren im Bordell verlebte Clotilde (Celine Salletta), die vollends dem Opium verfällt, die jugendliche Anfängerin Pauline (Iliana Zabeth), die ihre alten Illusionen über den Bordellalltag gegen neue tauscht, Madeleine (Alice Barnole), der ein Kunde die Wangen aufschlitzt.

Die Namen überlagern Spitznamen. "La Juife", "Belle Cuisse", "La Petite", "Caca". Die Spitznamen überlagern Spottnamen. "La femme qui rit" - zu ihr wird Madeleine, deren Narbenlächeln die grausamste Metapher ist für die groteske Scharade der Lustbarkeit, welche die Frauen allabendlich vorspielen. Visuell berauschend und verstörend, quillt das allegorisch, niemals jedoch physisch explizite Kammerspiel über vor historischen und künstlerischen Anspielungen. Ein vom weiblichen Geschlecht faszinierter Freier ist Namensvetter Gustave Courbets, dessen Gemälde Ursprung der Welt gespreizte Frauenschenkel darstellt, einer referiert über H. G. Wells Krieg der Welten, ein anderer über Cesare Lombroso. Den Gemälden Degas und Renoirs nachempfundenen Aktstudien paaren sich mit cineastischen Referenzen an Les yeux sans visage und Hoffmanns Erzählungen. Die Puppe, die Lea für einen Gast spielt, ist Extremform der Sex-Automaten, zu denen die Freier die Huren erniedrigen.

"Wenn einer hier lebendig ist, dann bin wohl ich es", sagt einer von ihnen in bitterem Realismus, dem sich in der Endszene auch die erotische Elegie fügen muss, wie Madame und ihre Mädchen in der Schließung ihres Hauses. Der exquisite Reiz seines Innenlebens spukt weiter in der morbiden Philosophie seiner Heldinnen: "Wenn wir nicht brennen, wie wird dann die Nacht erhellt?"

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/haus-der-suende