Nach der Stille

Wie die Mauer des Schweigens durchbrochen werden kann

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Der Dokumentarfilm Nach der Stille zeigt, wie solch ein Gedankenexperiment Wirklichkeit werden könnte und was es bedeutet, wenn man diesen Versuch in eine größere Perspektive weiterdenkt. Auch hier steht am Anfang eine Explosion – zumindest im übertragenen Sinne. Am 31. März des Jahres 2002 betritt der 24-jährige aus Jenin im Westjordanland stammende Shadi Tobassi um die Mittagszeit herum ein arabisches Restaurant, zündet einen Sprengstoffgürtel und reißt 15 Menschen mit in den Tod. Unter den Opfern ist auch der 67 Jahre alte Architekt und Friedensaktivist Dov Chernobroda, der sich Zeit seines Lebens für die Aussöhnung der Israelis mit den Palästinensern eingesetzt hat. Als seine Witwe Yaël Armanet-Chernobroda im Jahre 2008 in Haifa Markus Vetters Film Das Herz von Jenin sieht, ist sie so begeistert von dem Werk und seiner Botschaft der Versöhnung, dass sie Vetter einen Brief schreibt und ihm vorschlägt, noch einen Film zu drehen. Aber dieses Mal über eine Annäherung, die von Israel ausgeht, ganz im Sinne ihres verstorbenen Mannes, der einmal sagte: "Es kann keinen Frieden geben, wenn die Feinde nicht miteinander sprechen." Und genau das hat Yaël vor, sie will die Mauer des Schweigens durchbrechen und Kontakt aufnehmen mit der Familie des Attentäters. Und das Filmteam aus Deutschland, zwei junge Regisseurinnen, die Markus Vetter ausgesucht hat und eine palästinensische Co-Regisseurin, sie sollen den Weg ebnen und das Vorhaben mit all seinen Schwierigkeiten begleiten.

Immer wieder wechselt der Film die Perspektiven, begleitet mal Yaël, um dann wieder die Familie Tobassi aufzusuchen und mit Freunden, Bekannten, einer Überlebenden des Attentats oder einem ehemaligen Anführer der Al-Aqsa-Brigaden zu sprechen. Und selbst der Blick auf sich selbst, auf die Schwierigkeiten, die das Filmteam selbst hat, kommt nicht zu kurz, so dass es manchmal beinahe scheint, als sei Nach der Stille das kollektive Tagebuch einer Begegnung, die eines Tages Geschichte schreiben wird – man sieht dem Film förmlich beim Entstehen zu und obwohl von Anfang an klar ist, wo die Reise enden wird, verfolgt man doch das Geschehen mit großer Spannung, weil man spürt, welche Kraft Gesten der Versöhnung haben können.

Trotz mancher kleinen Unsicherheiten, die zum Teil auch auf die überaus komplizierten Produktionsbedingungen zurückzuführen sind, ist Nach der Stille ein beeindruckender Film geworden, ein Manifest, das den Geist der Versöhnung und des Dialogs zwischen Palästinensern und Israelis aufgreift und weiterspinnt. Entstanden ist der Film als erste eigene Produktion des Cinema Jenin Projekts, bei dem Markus Vetter gemeinsam mit Freiwilligen aus aller Welt ein Kino in der palästinensischen Stadt wiederaufgebaut und eröffnet hat. Ein weiterer Film wird bald folgen, bei dem dann wieder Markus Vetter Regie führen wird – ihm ist das Cinema Jenin ganz offensichtlich zur Herzensangelegenheit und Lebensaufgabe geworden. Und wie es scheint, ist diese Aufgabe trotz aller Schwierigkeiten mittlerweile auf dem Weg, zum Vorzeigeobjekt all jener Kräfte auf beiden Seiten zu werden, die an Frieden und Versöhnung glauben.

Noch sind Geschichten wie die von Yael Armanet-Chernobroda und der Familie Tobassi Einzelfälle. Doch sie machen Hoffnung, dass die Todesstille in Israel und Palästina, diese Grabesstille nach den Explosionen und Detonationen bald aufhört und von einem Dialog abgelöst wird.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/nach-der-stille