Kriegerin

Ein starkes Debüt

Eine Filmkritik von Stefan Otto

David Wnendts Kinodebüt Kriegerin, als Diplomfilm an der HFF "Konrad Wolff" in Potsdam entstanden, ist vor der Aufdeckung der rechtsextremen Terrorzelle NSU entstanden und kam knapp zwei Monate nach der Festnahme Beate Zschäpes in die Kinos, was das Interesse an dem Stoff noch einmal weiter verstärkte. Mittlerweile sind durch die Ermittlungen zu den Taten der Gruppe zahlreiche neue Erkenntnisse über das rechtsextreme Milieu, vor allem in Ostdeutschland, ans Licht gekommen, sie verändern zwangsläufig auch den Blick auf diesen Film, machen zugleich aber auch seine Schwächen deutlich.

Die liegen in erster Linie in der Figurenzeichnung einzelner Charaktere, in manchen allzu pädagogisch vorgetragenen Dialogpassagen und in einer allzu glatten Dramaturgie begründet: Gerade in der zweiten Hälfte opfert der Film seinen Drive und seine Wucht aus dem ersten Teil einer zunehmend standardisierten TV-Dramaturgie, in der der Gesinnungswandel Marisas durch die Begegnung mit Rasul unverhältnismäßig schnell vonstatten geht. Ebenfalls mit Vorsicht zu genießen ist die Figur von Marisas Großvater, die hier als wesentlicher Impulsgeber für die rechtsextreme Sozialisierung verantwortlich gemacht wird. Durch diesen küchenpsychologischen Kunstgriff bleibt zu wenig Platz für andere Faktoren wie das ideologische Vakuum, das nach dem Mauerfall entstand, und die miserable wirtschaftliche Lage vor allem in den ländlichen Gegenden. Oder anders gesagt: Statt für die aktuellen Gründe, die Marisa, Svenja und andere in die Arme der Neonazis treiben, begnügt sich der Film mit simplen binnenfamiliären Motivationen. Vor diesem Hintergrund erscheint auch Svenjas Wandlung von der braven Einser-Schülerin zur überzeugten Nazibraut psychologisch wenig motiviert und lässt zahlreiche Fragen offen.

Dennoch ist Wnendts Film eine Ausnahmeerscheinung im jungen deutschen Kino und in gewisser Weise das Äquivalent zu Shane Meadows Skinhead-Drama This Is England. Insbesondere am Anfang besticht er durch seine ungeheure Wucht und Körperlichkeit, durch seinen genauen Blick auf Milieus, auf Gruppendynamiken und die Lebensverhältnisse junger Neonazis aus dem Osten, die man sich durchaus so vorstellen kann.

Vielleicht sollte man dem Film seine Schwächen aber nicht allzu sehr ankreiden, sondern ihn als ersten Anstoß zu einer weitergehenden Auseinandersetzung mit dem rechtsextremen Milieu begreifen. Durch den Zugang über die Familie als Keimzelle ideologischer Prägung bietet der Film wichtige Ansatzpunkte zur Diskussion gerade mit Jugendlichen, die dann weiter vertieft werden können. Und vergessen wir eines nicht: Kriegerin ist kein Dokumentarfilm, sondern ein Spielfilm, der keine fundierte soziologische Analyse bieten will, sondern allenfalls erste Ansätze. Und genau das leistet er ganz ausgezeichnet und sehr eindrücklich.

Der Film zeigt trotz mancher Holprigkeiten und einem sichtlich kleinen Budget, dass das junge deutsche Kino durchaus das Zeug dazu hat, politische und gesellschaftlich relevante Stoffe fast ohne die übliche Gefühslduselei vieler Spielfilmdebüts zu erzählen. Hoffen wir mal, dass damit erst der Anfang gemacht ist. Für den Regisseur David Wnendt, der derzeit an seinem zweiten Spielfilm arbeitet, scheint dies gewiss zu sein.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/kriegerin