Sherlock Holmes: Spiel im Schatten

Viktorianischer Postmodernismus, Teil 2

Eine Filmkritik von Lida Bach

Besagte Frage könnte Holmes ebenso gut sich selbst stellen. Das letzte gemeinsame Abenteuer, als das er gegenüber seinem geplagten Freund Dr. Watson (Jude Law) das lose auf der Episode The Final Problem basierende Kräftemessen mit Professor Moriarty (Jarred Harris) ankündigt, ist sein bisher größter Fall und tiefster Fall, wieder sowohl im figurativen wie im praktischen Sinne: Er führt hinab in die Reichenbach-Fälle, aus deren tosenden Wassern Doyle seinen Helden im Jahre 1901 aufgrund energischer Leser-Proteste wiederauferstehen ließ.

Ritchie hingegen wartet mögliche Proteste gar nicht erst ab. Vielleicht aus Angst, man könnte die nach Holmes vermeintlichem Tod einkehrende Ruhe zu sehr genießen. Vielleicht auch, weil er die Ansicht teilt, dass bei größeren Konflikten "Schäden kollateraler Natur niemals zu vermeiden sind." Diese Erkenntnis ist eines der kaltblütigen Fazite Moriartys, die in ihrer düsteren Prophetie und zynischen Rationalität faszinierender sind als Holmes tollkühne Exzentrizitäten.

Der erste jener Kollateralschäden ist Holmes liebste Feindin Irene Adler, an deren Stelle seine Nemesis Moriarty tritt. Rachel McAdams unsichtbarer Abgang nach einem Kurzauftritt, der mehr als Cameo gelten muss, ist symptomatisch für das Fehlen einer überzeugenden Frauenfigur. Noomi Rapaces Kartenleserin Simza besitzt zu wenig Kontur und zu viel Zigeunerklischee, um von der Exklusivität des Männerzirkels abzulenken, zu dem Stephen Fry als Holmes älterer Bruder Mycroft die ihm eigene Süffisanz beiträgt. Die faszinierendste der Freundschafts- und Feindkonstellationen ist die zwischen Downey, Jr. und dem in weltgewandter Tücke brillierenden Harris, deren dramatische Gegnerschaft ihr schauspielerisches Duell spiegelt. Die kongenialen Züge der beiden Egomanen, deren Rücksichtslosigkeit im Verfolgen ihrer Absichten - sei es das frühzeitige Anzetteln des Ersten Weltkriegs oder dessen Verhinderung – einander kaum nachsteht. In einer der raren Dialogpassagen, die feixendes Sprücheklopfen durch Tiefgang ersetzen, liefert Holmes eine Charakterisierung Moriartys, die auch eine Selbstbeschreibung sein könnte.

Ähnlich seinem Verfolger hat auch der "Napoleon des Verbrechens" einen ergebenen Handlanger, dessen Verhältnis zu Moriarty bedeutend mehr Interesse weckt als das von Watson und seiner nunmehr Angetrauten Mary (Kelly Reilly). Die Parallele zwischen dem Katz-und-Maus-Spiel der Protagonisten und dem des Regisseurs mit der Romanvorlage ist eine der unbewussten Doppelbödigkeiten. Die dezidierten Wortspiele machen das Action-Spektakel neben dem Kreuzfeuer aus Nahaufnahmen, Zeitlupe und Zeitraffer zum wohl rasantesten viktorianischen Filmepos. Jagen die Figuren in einem Stakkato aus Schnitten und unablässig wechselndem Kamerafokus durch eine eisige Waldlandschaft, erscheint der Donner der sie umfliegenden Kanonenkugeln wie ein Vorhall des realen Weltkrieges. Für Ritchie jedoch existiert nur der nächste grelle Bildeffekt. Was seinem hervorragend besetzten Detektiv-Krimi fehlt, sind jene Qualitäten, die Doyles Werk einzigartig machten: Atmosphäre und Stil.

Auf den ersten Blick einander denkbar entrückt, verzahnen sich Original und Filmadaption gerade dort, wo Traditionalisten Doyles Erbe gefährdet sehen. Die Freundschaft zwischen Watson und Holmes ist bei ihm nicht zuletzt durch signifikante Abwesenheit weiblicher Figuren die innigste Charakterbeziehung. Holmes zähneknirschende Anerkennung für Moriarty muss man aufgrund von Unterhaltungswert und dreister Originalität letztendlich auch dem zweiten Streich von Sherlock Holmes zollen: "Mein Entsetzen über Ihre Verbrechen wird nur übertroffen von meiner Bewunderung für Ihre Fähigkeit, sie zu verüben."

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/sherlock-holmes-spiel-im-schatten