Huhn mit Pflaumen (2011)

Sehnsüchtige Heimatsuche

Eine Filmkritik von Patrick Wellinski

So wie schon ihr erster Film Persepolis, ist ihre zweite Regiearbeit Huhn mit Pflaumen die Verfilmung eines ihrer Comic-Bücher. Doch anders als in dem autobiographischen Erstling ist die Ausgangslage wesentlich märchenhafter. 1958 beschließt Nasser Ali Khan (Mathieu Amalric), ein weltbekannter Geiger, der sein zerbrochenes Instrument nicht adäquat ersetzen kann, zu sterben.

Der Film begeistert vor allem durch seine Erzählstruktur, die stark nach dem Muster der Rahmenerzählung mit kleinen Schachtelgeschichten aus den "Märchen aus 1001 Nacht" aufgebaut ist. Nachdem wir erfahren haben, dass Ali Khan acht Tage nach seinem Beschluss zu sterben, tatsächlich tot sein wird, wird uns jeder dieser acht Tage als kleine und eigene Erzählung präsentiert. Jeder Tag wird einer anderen Figur aus Khans Leben gewidmet: Seiner Tochter, seinem Sohn, seinem Bruder, seiner Frau und auch seiner Mutter. Das Besondere dabei ist, dass all diese Episoden durch einen eigenständigen visuellen Ansatz gekennzeichnet sind. Mal gibt es eine Cartoon-Rückblende, mal einen Blick in die Zukunft des Sohnes, inszeniert als aberwitzige SitCom und gleichzeitig auch bitterböse Parodie auf den amerikanischen Traum. Und selbst der Todesengel Azrael kommt vorbei und darf sich am letzten Weg des Weltgeigers Nasser Ali Khan beteiligen.

Anders als in Persepolis ist der Film kein reiner Animationsfilm mehr. Satrapi und ihr Kollege Vincent Paronnaud mischen Genres miteinander zu einem sehr erwachsenen Märchenfilm, der dabei durchaus manchmal an eine Art des Kinderfilmmachens erinnert, die es so heute nicht mehr zu sehen gibt. Der Genuss dieses Bilderreigens hängt natürlich auch mit der Leistung der starken Besetzung zusammen. Allen voran Mathieu Amalric darf sein komisches Talent als neurotischer Geiger zur Geltung bringen. Doch der Film ist auch bis in die kleinsten Nebenrollen mit bekannten Namen besetzt. So treten unter anderem Isabella Rosselini, Maria De Medeiros und Chiara Mastroianni auf und fügen sich in dieses Märchen ein, das weit mehr zu erzählen hat als die oberflächlich sentimentale Geschichte des Ablebens eines Geigers.

Es ist wieder – sogar noch viel mehr als in ihrem Vorgängerfilm – eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit Satrapis eigenem Schicksal. Denn im Unterstrom dieses Märchens wird die Geschichte einer tragischen Liebe erzählt, die nie ihre Bestimmung gefunden hat. Khan liebte vergeblich ein Mädchen namens Iran, für die er alles geben wollte. Nicht zufällig heißt die Liebe seines Lebens wie Satrapis Heimat. Huhn mit Pflaumen schwingt sich so zu einer erstaunlich tiefgehenden Reflektion über das ewige Exil, Heimatverlust und die Qual einer getroffenen Entscheidung auf. Das alles erzählt er bunt und visuell ausladend bis an die Grenze zum Kitsch. Und wem sich bei dieser Vorstellung der Magen umdreht, dem sei gesagt, dass es ja immer zwei Arten Kitsch gibt. Die eine verweist auf die Unzulänglichkeit des Künstlers uns etwas zu zeigen, dass sich nicht über das Altbekannte hinwegsetzen kann. Die andere Art (die, die wir immer mal wieder dringend benötigen) schafft es, dass wir unerwartet und plötzlich die Schönheit der Dinge wiedererkennen, die uns täglich umgeben und erkennen, wie sehr wir sie vernachlässigt haben.

(Festivalkritik Venedig 2011 von Patrick Wellinski)

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/huhn-mit-pflaumen-2011