Der böse Onkel

Fein Geschnittenes oder: "Wäre er ein Sauhund, wäre er nicht hier"

Eine Filmkritik von Stephan Langer

Der böse Onkel ist in unserem Fall Armin (Jörg-Heinrich Benthien), seinerseits ein etwas in die Jahre gekommener Sportlehrer in einem abgelegenen Dorf. Dort beschuldigt ihn Trix Brunner (Miriam Japp), er habe ihre Tochter Saskia (Paula Schramm) im Sportunterricht sexuell belästigt. Die Leute im Dorf sind empört – über die Mutter, die solch schwerwiegenden Vorwurf gegen den Lehrer erhebt, ist er doch immerhin früher einmal Landesmeister im Turmspringen gewesen, ein einsamer Höhepunkt in der Geschichte der Gemeinde. Die Meinung der Dörfler über Armin ist, dass er ein "Prachtkerl" sei und: "Wäre er ein Sauhund, wäre er nicht hier." Rabiat geht es zu, folglich strafen die Bewohner die Unruhestifterin mit Verachtung. Soweit hört sich das nicht weiter neu an: der Stoff der Zugezogenen aus der Stadt, die es in ihrer neuen dörflichen Heimat schwer haben, geduldet sind aber nicht akzeptiert werden, die ausgegrenzten Einzelnen gegen die bigotte Masse, ist bereits Dutzende Male erzählt worden. Die Art und Weise aber wie Urs Odermatt, Schweizer Regisseur des Films, den Ausgangsstoff in Szene setzt, das ist ein formal faszinierendes Filmexperiment, das sämtliche Regeln bricht, die man an Filmhochschulen üblicherweise so lernt.

Zuerst einmal basiert der Film wörtlich auf dem gleichnamigen Theaterstück, für das sich ebenfalls Odermatt verantwortlich zeigt. Nun ist dieser aber kein gewöhnlicher Autorenfilmer, sondern ein Stückchenfilmer, viel mehr noch: ein zerstückelnder Stückchenfilmer. Der Satz, dass Filme erst am Schneidetisch entstehen, trifft auf kaum einen anderen Film besser zu als Der böse Onkel. Die Basis des wörtlich zementiert vorgegebenen Texts, den die durchweg starken Schauspieler meist frontal im Closeup in die Kamera sprechen, wurde beim Schnitt radikal durchbrochen. Sätze werden oftmals von mehreren Personen gesprochen, Wort für Wort zackig nacheinander montiert. Bei der Suche nach neuen Formen des filmischen Erzählens ist Odermatt seinen Kolleginnen und Kollegen weit voraus. Er experimentiert, ist assoziativ auf der Suche nach expressiven Bild- und Wortarrangements, die er mittels Collage, Schnittrhythmus und Sprechgeschwindigkeit erzeugt. Dadurch entsteht eine andauernde Atemlosigkeit, die sich durch den kompletten Film zieht. Als Zuschauer kennt man diesen Effekt von gut getimten Dialogen aus dem Theater. Die Darsteller im Film sind überwiegend Theaterschauspieler, insofern ist ihnen das deutliche, teils sehr artifizielle Sprechen vertraut von ihren Erfahrungen an der Rampe.

Sobald man sich als Zuschauer an das rasante Tempo des Films gewöhnt hat, ist es ein Genuss. Und dass, obwohl man nicht in Ruhe gelassen wird von der Fülle der teils brettharten Dialoge, den Satzfetzen, den verschiedenen Realitätsebenen, den Fragmenten und schnellen Szenen-, Handlungs- und Figurenfolgen. Odermatt bringt die Identitäten seiner Figuren ins Wanken, verfremdet mit surrealen Einfällen Alltägliches und zerstört jegliche Restillusion aller Zuschauenden. Die Schauspieler sprechen den Zuschauer direkt an, holen ihn mit hinein ins groteske Schauspiel. Zwischendurch werden wiederholt kurze Making of-Clips gezeigt, einmal sieht man auch den Regisseur bei einer Regieanweisung: das Spiel ist konsequent als Spiel entlarvt und verschafft sich damit Distanz zum Zuschauer, der reflektierender Zuschauer bleiben kann, weil die illusionistische Identifikation mit einer der Figuren schwer fällt.

Trotz aller gewollten Künstlichkeit und Verfremdung ist zudem eine große Stärke des Films: Der böse Onkel macht eine Menge Spaß! Sein fulminantes Ideenspektakel entwickelt einen starken visuellen Sog, man wird (unterstützt von Sprache und Schnitt) immer wieder und immer weiter mitgerissen im vorwärts drängenden Handlungsstrom. Nicht zufällig durchziehen Flüsse und Züge leitmotivisch den Film. Bilder jagen Bilder jagen Sprache jagt Ideen: Hier legt Armin, der böse Sportlehrer in der Dusche des Dorfschwimmbades ein E-Gitarrensolo hin – natürlich nackt, hier gibt es immer wieder lange, giftige Monologe voll böser Gesellschaftskritik, hier tanzt eine Hip Hop-Formation vor einem Supermarkt – und die ausgezeichnet gespielte Trix Brunner tanzt und singt mit, hier treibt der Tod von Butzi dem Papageien seine Besitzer in den Selbstmord – aber nicht, wenn währenddessen Volksmusik im Radio läuft, hier reißen sich die Schülerinnen beim Sportunterricht in der Turnhalle gegenseitig die Handtücher vom Leib, hier ist die Bürgermeisterin rasiert. Zugegeben: Der Film ist wüst, aber er ist nicht vulgär.

In der Schweiz, dem Heimatland von Urs Odermatt, hat Der böse Onkel medial großes Aufsehen erregt. Es gab Unterlassungsklagen, moralische Bedenken und Proteste von Menschen, die die Geschichte zu sehr an einen realen Missbrauchsfall in der Schweiz erinnerte. An dieser Stelle muss man den Regisseur deutlich in Schutz nehmen. Die Handlung ist deutlich überhöht und als Fiktion, als Kunstprodukt erkennbar, als Werk, das Fragen stellt über verschiedenste Themen und sich eben nicht nur platt auf den Schutzbefohlenenmissbrauch fokussiert. Bei all den Problemen von juristischer Seite kann von finanzieller Seite nicht genug hervorgehoben werden, dass Der böse Onkel eine No-Budget-Produktion ist, dass heißt natürlich auch, die gesamte Crew arbeitete ohne Gage aber dafür mit umso stärkerer inhaltlicher Überzeugung. Durch die finanzielle Unabhängigkeit (die gleichzeitig natürlich auch finanzielle Not ist), besaß Odermatt vollständige kreative Freiheit. Geld gebiert eben selten Ideen. Schön, dass immer mal wieder Filme entstehen wie dieser: sperrig, amoralisch, ohne Kompromisse. Eindeutigkeiten fallen hier ebenfalls flach: Hier sind alle Täter auch Opfer und alle Opfer auch Täter.

Kleinere dramaturgische Schwächen (dass das Tempo von Anfang an sehr schnell ist, dadurch aber zum Ende hin nicht mehr gesteigert werden kann) und stellenweise irritierende Figurenzeichnungen (dass die Schülerinnen ihren Lehrer so komplizinnenhaft lüstern begehren, ist schwer nachzuvollziehen) fallen beim Gesamteindruck nicht weiter ins Gewicht. Man kann dem Film nur alles Gute wünschen! Auf dass möglichst viele Kinos den Mut haben werden, ihn ins Programm zu nehmen. Das Zeug zum Insider-Tipp hat er allemal. Kurzum: Der böse Onkel ist ein verstörender Film, den man nicht so schnell wieder vergisst, er ist im besten Sinne eigensinnig, kantig und roh, er schreit konsequent unbequeme Fragen heraus, regt in jedem Fall zum Diskutieren an. Was kann ein Film denn noch mehr leisten?

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/der-boese-onkel