Ai Weiwei: Never Sorry

Leben, Kunst und Widerstand

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Allein schon diese ersten Eindrücke, die Ambivalenz zwischen äußerer Unterdrückung und innerer Freiheit und unbändigem Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen, markieren die Richtung, die die Filmemacherin Alison Klayman mit ihrem Film Ai Weiwei: Never sorry einschlägt. Es geht ihr weniger darum, ein Künstlerporträt im klassischen Sinne zu schaffen oder ein Biopic, sondern vielmehr um ein Bildnis Ai Weiweis als "homo politicus", bei dem Leben, Kunst und Widerstand aufs Engste miteinander verbunden sind. Und so bietet der Film zwar auch einen durchaus erhellenden Einblick in das Leben und Wirken, vor allem aber beleuchtet er die enorm wichtige Stellung des wohl bekanntesten chinesischen Künstlers als zentraler Persönlichkeit der Opposition im Lande.

Freundlich wirkt Ai Weiwei zumeist, doch der etwas korpulente Mann mit dem charakteristischen Zauselbart kann auch ganz anders – und zwar vor allem dann, wenn die chinesischen Behörden wieder einmal all ihre Macht ausspielen, um Katastrophen wie das verheerende Erdbeben in der Provinz Sichuan im Jahre 2008 herunterzuspielen. Aufgrund erheblicher Baumängel war es dort zu einer hohen Anzahl an Todesopfern vor allem unter den Schülern der Gegend gekommen, doch die Behörden verweigerten jegliche Auskunft über die genauen Umstände – bis Ai Weiwei und ein Heer von Freiwilligen in privaten Recherchen mehr als 5000 verstorbene Schüler identifizieren und öffentlich machen konnten. Seitdem haben die Repressalien gegen Ai Weiwei erheblich zugenommen, man müsse "provokante Menschen" wie ihn "im Zaum halten", so formulierte es der Sprecher des chinesischen Außenministeriums Hong Wei am 7 April 2011.

Das allerdings ist gottlob einfacher gesagt als getan, denn Ai Weiwei denkt nicht daran, seinen Kampf zu beenden. Nach seiner Misshandlung durch Polizisten erhebt er öffentlich Anklage gegen die Schläger, dringt mit Anwälten und Mitarbeitern in die zuständige Polizeistation ein, enttarnt die Beteiligten auf offener Straße und lässt stets alles filmen, um gegen die Willkür der Behörden etwas in der Hand zu haben. Manchmal für einen kleinen Moment wirkt das beinahe komisch, wenn Weiweis Mitstreiter die Polizisten filmen, die ihrerseits den Künstler mit einer Kamera beobachten. Zum Lachen ist der unermüdliche Kampf Ai Weiweis aber dennoch nicht, viel eher wächst im Verlauf des Films die Hochachtung vor diesem außergewöhnlichen Mann und seinem Mut, der selbst durch Verfolgung, Misshandlung und Inhaftierung nicht zu brechen ist.

Drei Jahre lang hat Alison Klayman Ai Weiwei mit der Kamera begleitet. Und wenn man dem Film Glauben schenken darf, waren das für den Künstler und die Menschen in seiner Umgebung bewegende und aufregende Jahre. So ganz nebenbei erfährt man zum Beispiel, dass es eine außereheliche Affäre gab, aus der ein Sohn entstanden ist – und wenn die Sprache darauf kommt, wird der sonst so aufmüpfige Mann verlegen und wirkt mit einem Mal beinahe schüchtern. Sei es, weil die Transparenz, für die Ai Weiwei bedingungslos eintritt, ihre Grenzen haben muss oder weil er die Menschen in seiner Umgebung einfach schützen will. So seltsam das auch anmutet innerhalb dieses Films, gehören doch unerwartete Sequenzen unweigerlich hinzu zum schillernden Porträt eines Mannes, der ein weltberühmter Künstler ist, ein führender Oppositioneller seines Landes – und eben auch ein Mensch mit Fehlern und Schwächen. Gerade das macht diesen Film und den Protagonisten so unwiderstehlich, so groß.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/ai-weiwei-never-sorry