Searching for Sugar Man

Die Ikone, die es nie gab

Eine Filmkritik von Stephan Langer

Searching for Sugar Man, der dokumentarische Kinoerstling des Schweden Malik Bendjelloul, erzählt die Geschichte des Musikers Sixto Diaz Rodriguez, 1942 geborener Sohn mexikanischer Einwanderer, die in den Autofabriken Detroits schufteten. Zwei Produzenten hören von den Gerüchten um den Sänger, besuchen ein Konzert von ihm, sind auf Anhieb völlig hingerissen von seinem rätselhaften Charisma und seiner authentischen Präsenz. Sie glauben, einen Folksänger im besten Sinne entdeckt zu haben, einen singenden Erzähler von Alltagsgeschichten. Sie sehen in ihm eine Art Chicano-Bob Dylan – mindestens, auf jeden Fall aber einer der talentiertesten Sänger seiner Generation. Zwei Alben nehmen sie mit ihm auf, die in der Kritik gut wegkommen, kommerziell allerdings zur Katastrophe werden. Rodriguez verschwindet wieder mehr oder weniger in der Versenkung, arbeitet weiter als Abrissarbeiter in der zunehmend verfallenden Schrumpfstadt Detroit. Das ist aber keineswegs das Ende der Geschichte. Auf verschlungenem Wege nämlich gelangen Schwarzkopien von Rodriguez' ersten Albums Cold Fact ohne sein Wissen nach Südafrika, mitten hinein in ein isoliertes, von der Apartheid zerrissenes Land. Die Beobachtungen eines Außenseiters im urbanen Nordamerika, seine nonkonformistische Haltung gegenüber gesellschaftlicher und staatlicher Autorität in seinen Liedtexten sprechen vielen weißen Südafrikanern direkt aus der Seele. Das Album erlangt innerhalb kürzester Zeit Kultstatus und wird zur Hymne des weißen Widerstandes im Südafrika der Apartheidsära.

Wie gesagt, Rodriguez selbst wusste von alledem nie etwas und profitierte daher auch nicht von den Verkäufen seiner Platte. Er ging weiter auf den Bau und schuftete. In Südafrika verselbstständigt sich die Geschichte um den Sänger, abgeschnitten von internationaler Popkultur kursieren verwegen-wüste Versionen über das Schicksal von Rodriguez, mythische Erzählungen über einen Freitod auf der Bühne, wahlweise mit Kopfschuss oder sich nach kargen Abschiedsworten selbst anzündend. Aber niemand weiß Genaueres. Dann, 20 Jahre später, in den 90ern, begeben sich der Musikjournalist Craig Bartholomew und der Plattenladenbesitzer Stephen Segerman aus Südafrika zusammen auf die Suche nach der Wahrheit über Rodriguez' Schicksal und seinem mysteriösen Tod. Soweit zum Geschehen, das die Basis bildet für Regisseur Bendjellouls Searching for Sugar Man.

Schier unglaublich mutet die Geschichte an in unserem vernetzten Zeitalter, in dem im Internet alles zeitgleich stattfindet. Was in Südafrika oder sonst wo auf der Welt los ist, erfährt man mit ein paar Klicks am Rechner. Dass keiner in Amerika über Jahre hinweg von einer Entwicklung in Südafrika etwas mitbekommt, ist heute einfach nicht mehr vorstellbar, vor allem nicht, wenn ein Musiker dort in solch einem Maß berühmt ist, wie man es sonst nur von Hendrix und den Beatles kennt. Kraftvoll erzählt der Film, immer wieder mit den wundervoll wütenden Liedern Rodriguez' untermalt, die märchenhafte Geschichte eines verkannten Genies. Wer war dieser Mann, der sein Gesicht meist hinter großen, dunklen Brillengläsern versteckte? Warum wurde er in Südafrika zur Ikone des weißen Widerstands? Gebannt verfolgt man im Film die schwierige Suche der beiden nach ihrem Idol, stets mitleidend aufgrund der tragischen Konstellation eines edlen Menschen, der an seinem Glück nicht teilhaben konnte, weil er schlicht und einfach nichts davon wusste.

Damit kommen wir auch schon zur Schwäche von Searching for Sugar Man – und leider ist dies keine geringe Schwäche. Die hat nichts mit der Person Rodriguez, seinen Qualitäten als Musiker oder seinem Schicksal zu tun, sondern mit Regisseur Bendjelloul. Als Zuschauer erhält man nämlich den Eindruck, Rodriguez wäre direkt nach Auslauf seines Plattenvertrags (nach seinen beiden Verkaufsflops) sang- und klanglos wieder in der Versenkung verschwunden, bis seine südafrikanischen Fans schließlich zur Suche mobilisierten. Wenn man sich nun aber einmal nur rudimentär im Internet über Rodriguez informiert, erfährt man, dass er eben nicht ganz so unmittelbar von der musikalischen Bildfläche verschwand. In den 70ern bis Anfang der 80er tourte er hin und wieder in Australien (unter anderem mit Midnight Oil) und brachte dort neben seinen beiden Alben Cold Fact und Coming from Reality auch einige Compilations heraus. Außerdem studierte er und machte einen Abschluss in Philosophie. Offensichtlich wurden hier vom Regisseur gezielt Fakten weggelassen, um die Dramaturgie zusätzlich zu straffen und eine noch emotionalere Reaktion zu provozieren. Der körperlich hart Arbeitende, der seinen Ruhm verpasst, wirkt anders als der körperlich hart Arbeitende mit Philosophieabschluss, der seinen Ruhm verpasst. Der etwas gezwungene Gegensatz von Armut und verkanntem Genie reproduziert auf diese Weise lediglich ein uraltes, romantisiertes Künstlerklischee.

Mehr noch: Searching for Sugar Man versucht, das Schicksal des Künstlers Rodriguez aufzuklären, mystifiziert ihn stattdessen aber munter weiter und dient damit ganz hörig den medialen Gesetzen des Pop, mit blühender Phantasie Geschichten zu erfinden oder, wie in unserem Fall, Geschichten zuzuspitzen. Dramaturgische Scheuklappen, die nach emotionalen Effekten haschen, verstoßen allerdings gegen die Gesetze des Dokumentarfilms. Gezielt elliptisches Erzählen ist gelinde gesagt nicht gerade die feine Art dokumentarischer Arbeit.

Was der Film dennoch neben Emotionen und toller Musik liefert, ist ein kleiner, aber interessanter Einblick in die Kulturgeschichte Südafrikas. Denn: Nicht alle Weißen waren zur Zeit der Apartheid kleinkarierte Rassisten. Es gab natürlich unter ihnen auch liberal gesinnte Menschen, deren Kritik gegenüber der vorgegebenen Mehrheitsmeinung kaum vernehmbar war und deren Handlungsfreiheit von staatlichen Gesetzen im Zaum gehalten wurde. Diesen Menschen gab Rodriguez' Musik Hoffnung und eine Stimme.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/searching-for-sugar-man