Anton Corbijn Inside Out

Ein besserer Künstler

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Das ist ein durchaus schwieriges Unterfangen, da Anton Corbijn ein sehr verschlossener Mensch ist. Er wurde als Sohn eines Pfarrers 1955 in der südholländischen Gemeinde Strijen geboren. Schon als Kind sucht er sich gerne Verstecke und ist viel allein. Noch heute braucht er nicht die Gesellschaft von anderen Menschen, sondern gesteht, dass er in Gesprächen manchmal den Faden verliere, weil er zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt sei. Sein Einzelgängertum wird in den Bildern dieser Dokumentation sehr deutlich, selbst auf Ausstellungseröffnungen und Premieren scheint er ein wenig abseits zu stehen. Und wenn Klaartje Quirijins ihn alleine auf seinem Sofa zeigt, umgibt ihn eine leise Melancholie.

Geredet wurde in seiner Familie nie viel. Der Vater war die meiste Zeit abwesend und die Mutter bekennt in einer eindrucksvollen Begegnung mit ihrem Sohn in diesem Film, dass sie eigentlich einen anderen Mann liebte. Aber ihre Eltern waren gegen diese Verbindung und so heiratete sie Anton Corbijns Vater. Sie hinterfragt diese Entscheidung nicht, weicht aber auch der Frage aus, ob sie denn glücklich gewesen sei. Und ihr Sohn fragt nicht weiter nach. Doch seine Eltern haben ihrem Sohn vertraut und ihn bei einem Berufsweg unterstützt, den sie selbst nicht verstanden. Bilder aus Jugendjahren weisen schon in seine Zukunft: Sie zeigen ihn als Janis Joplin oder John Lennon in dem später für ihn typischen Schwarzweiß-Stil.

Durch Klaartje Quirijins‘ Konzentration auf den Menschen Anton Corbijn vermittelt die Dokumentation trotz der zahlreich gezeigten Bilder nur wenige Einblicke in seinen tatsächlichen Arbeitsablauf, seine Musikvideos bleiben sogar weitgehend außen vor. Dabei ist es sehr interessant, ihn bei der Motivauswahl und dem Arrangement der Bildelemente zu beobachten. Beispielhaft wird es an einem Bild deutlich, das er mit Metallica und Lou Reed für ihr Lulu-Projekt aufgenommen hat. Bei der Motivsuche fand er ein Schiff, an dessen Seite ein Seil herunterhing, das die Form eines Mundes andeutete. Dieses Symbol der Weiblichkeit sollte im Hintergrund des Bildes sein. Bei der Bearbeitung dieser Bilder-Reihe schwärzt er kleine Teile nach und intensiviert den Eindruck. Nach und nach entsteht ein unverkennbares Bild – und während man Anton Corbijn bei der Arbeit beobachtet, drängt sich unweigerlich die Frage auf, ob der Mensch ohne den Fotografen zu verstehen ist.

Stilistisch hat er jedenfalls in der Dokumentation seine Spuren hinterlassen. Oft ist er allein in einer Gegenlichtaufnahme zu sehen, die seine manifeste Schwermut visuell verstärkt. Dadurch erscheint auch seine Aussage, er sei eigentlich kein unglücklicher Mensch, nicht unbedingt überzeugend. Zumal er gesteht, dass er manchmal glaube, er sei als Mensch nicht gut genug. Deshalb wolle er als Künstler umso besser sein. Hier erscheint die Sorge seiner Geschwister, er arbeite zu viel, sehr verständlich. Immerhin beschloss er während der Entstehung dieser Dokumentation, eine Auszeit zu nehmen. Aber spätestens im September arbeitet er wieder. Dann beginnen Dreharbeiten zu seinem nächsten Film: Eine Adaption von John le Carrés A Most Wanted Man (dt. Marionetten).

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/anton-corbijn-inside-out