Chernobyl Diaries

Erkundungen in der Todeszone

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Chernobyl Diaries, das Spielfilmdebüt von Regisseur Brad Parker ist ein fieser, wirkungsvoller Horrorthriller, der die Kulisse der realen Katastrophe für seine dramaturgischen Zwecke benutzt. Auch der junge Ausländer Paul (Jonathan Sadowski), der in Kiew wohnt, wollte seinen Gästen ein außergewöhnliches Erlebnis bieten, als er die Tour bei "Uris Extrem-Reisen" buchte. Zwar hatte sein Bruder Chris (Jesse McCartney) von Anfang an Bedenken, aber seine Freundin Natalie (Olivia Taylor Dudley) und ihre Begleiterin Amanda (Devin Kelley) überstimmten ihn. In Uris Fahrzeug sitzen sie dann zu sechst, mit dem jungen Touristenpärchen Michael und Zoe, werden aber am Checkpoint zum Sperrgebiet von der Wache abgewiesen. Wartungsarbeiten, lautet die Begründung, die Uri aber nicht schreckt. Er nimmt einen Schleichweg durch den Wald und sagt seiner Gruppe, heute hätten sie Pripyat ganz für sich allein. Das allerdings entpuppt sich als fataler Irrtum.

Oren Peli, der Regisseur und Autor von Paranormal Activity, fungiert hier als Produzent und Co-Autor des Drehbuchs. In dokumentarisch-realistischer Manier greift er darin auf, was er im Internet erfahren hat: Es gibt die Extremtouren, auch Schocktourismus genannt, ins ukrainische Pripyat wirklich. Mit einem Geigerzähler ausgestattete Reiseführer lotsen die Besucher durch strahlungsärmere Zonen in den sozialistischen Blockvierteln und zeigen ihnen den Rummelplatz mit den Autoscootern und dem Riesenrad, der seine für den Maifeiertag 1986 geplante Eröffnung nicht mehr erlebte. Er kommt im Film vor, der allerdings in optisch und architektonisch ähnlichen Arealen in Belgrad und bei Budapest gedreht wurde.

Die gestrandete Gruppe wird von wilden Hunden und anderen Kreaturen angegriffen und verfolgt. Erneut bewährt sich Pelis Horrorprinzip, die Angst mit Hilfe von Andeutungen zu schüren. Bis hin zum überraschenden Ende bleibt das Grauen zu flüchtig für den Verstand, ist kaum jemals dezidiert oder lange genug im Bild, um optisch zu überwältigen. Und trotzdem hört man die Schreie der Angegriffenen, folgt ihren Blutspuren, versteht sofort, warum sie reflexhaft das Weite suchen, als auf der Asphaltstraße in der Ferne eine Kreatur auftaucht. Um eine authentischere Wirkung zu erzeugen, wurden die Schauspieler über die kommenden Schockmomente nicht informiert. In der Tat unterscheiden sich die Panikreaktionen und das Wimmern der Protagonisten ein wenig von dem meist übertrieben robusten Agieren in vielen anderen Thrillern.

Aber die Hauptwirkung geht von der Geisterstadt und ihren leeren Räumen aus. In dem leicht entsättigten, bläulichen Farbton sehen die Touristen dort schon am Anfang verloren aus. Die von Gras überwucherten Asphaltwege, die Glastüren der Treppenhäuser, die zahllosen Betongänge symbolisieren eine Tristesse, die sich schwer aufs Gemüt legt. Das Wissen um die reale Katastrophe lastet auf den Bildern, lässt sie an Urängste rühren, Geheimnisse erspüren, von denen man sich fernhalten muss.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/chernobyl-diaries