House at the End of the Street

Das letzte Haus links

Eine Filmkritik von Lida Bach

Das angemessen düstere Haus von Carrie-Anns Familie liegt gegenüber Elissas Haus und ist der Grund ihres Umzugs. Zum Handlungsort führt die Protagonistin der von The Surrogates-Regisseur Jonathan Moscows erdachten Story statt geisterhafter Vorsehung wirtschaftlicher Pragmatismus. Der gediegene Wohnbezirk ist für Elissa und deren entfremdete Mutter nur erschwinglich, weil nichts die Grundstückspreise empfindlicher senkt als ein Haus, in dem ein Mord geschah. Darin entledigte sich die nach einem Kindheitsunfall geistig geschädigte Tochter der Jacobons vier Jahre zuvor ihrer Eltern (Krista Bridges, John Healey) in der Manier einer Lizzie Borden. Mit dem kleinen Unterschied, dass Carrie-Ann statt der Axt einen Hammer nahm und nach dem Doppelmord im angrenzenden Wald verschwand. Offiziell heißt es, sie sei damals im Fluss ertrunken. Die Vorstellung, dass sie überlebte und auf neue Opfer wartet, ist jedoch ungleich beliebter. Jedenfalls bei denen, die nicht wie Elissa nächtliches Licht hinter den Nachbarfenstern beobachten. Denn das Haus am Ende der Straße steht – anders als von Sarah und Elissa geglaubt – nicht leer...

Das Grundszenario, das David Louka in seinem holzschnittartigen Drehbuch ausbreitet, erinnert bruchstückhaft an Psycho, namentlich als Elissa in einer Regennacht auf dem Heimweg den gegenwärtigen Bewohner des Mordhauses kennenlernt und ihm ein offenes Ohr schenkt. Ryan (Max Thieriot) ist Carrie-Anns Bruder und trägt die Schuld an deren Unfall. Von der Tante, bei der er bisher lebte, ist er in seinen Heimatort zurückgekehrt, um das marode Anwesen zu renovieren – wenn die feindseligen Anwohner es nicht vorher niederbrennen. Unterstützung erhielt Ryan bisher nur vom Ortspolizisten Weaver (Gil Bellows). Nun findet er sie auch bei Elissa. Trotz der Bedenken ihrer Mutter vertraut sie darauf, dass der höfliche und zurückhaltende junge Mann nur Kameradschaft und Verständnis benötige. Und genau danach sehnt sich Ryan, obwohl er keineswegs allein lebt wie angenommen. Seine Hausgesellschaft ist ein wohlbehütetes Geheimnis, doch es bricht mit alter Gewalt hervor, wenn es einen Anlass sieht: wie in Elissa. Der Name des entgegen der makaberen Veranlagungen auf Massengeschmack getrimmten Psycho-Horrors erinnert an die US-Pulp-Thriller der 60er und 70er, doch an deren Erbe reicht Tonderais Werk nicht heran.

Die von den Rückblenden zur Gegenwartshandlung zunehmend vergilbende Farbpalette und die sexuelle Symbolik erzeugen eine verzerrte subjektive Perspektive, die den Zuschauer einlullen will. Ob das gelingt oder als plumpes Täuschungsmanöver empfunden wird, hängt großteils von der eigenen Kinoerfahrung ab. Der Thriller, der dem Trend des Dämonen- und Geisterhorrors einen greifbaren Täter entgegensetzt, orientiert sich an den Psycho-Krimis von Robert Aldrich und Curtis Harrington. Sie verstören durch morbide Atmosphäre, wachsende Perversion und pathologische Familienkonstellationen. All das beherbergt auch House at the End of the Street, doch im Gegensatz zu den rigorosen Klassikern fürchtet es die eigene Düsterkeit mehr, als es der Zuschauer vermag. Hinter den vornehmen Fassaden lauern Konformitätszwang und bürgerlicher Argwohn. Doch statt sie als Beförderer des Schreckens zu enthüllen, umarmt Tonderai sie.

Statt anhaltender Verunsicherung erzeugt sein Horror-Haus so nur mäßige Schreckmomente, die zu rasch die Handlungsauflösung verraten. Menschen hätten mehrere Schichten von Geheimnissen, sagt Ryan einmal. Für den mutlosen Nachbarn des Teenie-Horrors gilt das nur im oberflächlichsten Sinn.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/house-at-the-end-of-the-street