Savages (2012)

Die Wilden von Laguna Beach

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Basierend auf Don Winslows Kriminalroman Zeit des Zorns erzählt Oliver Stone in Savages von dem Anstieg der Drogenkriminalität in Kalifornien und dem Zusammenprall zweier Gesellschaften. Auf der einen Seite steht die libertäre, oberflächliche und konsumorientierte Welt von Laguna Beach, auf der anderen Seite die traditionelle, konservative Struktur des mexikanischen Kartells – und die "Wilden" leben jeweils auf der anderen Seite der Grenze. Verabscheuen Chon und Ben die Methoden des Kartells, lehnen Lado und Elena die Lebensweise von Ben und Chon ab, die mit O ein Liebesdreieck bilden. Hier verwendet Regisseur Oliver Stone gerade am Anfang sehr viel Mühe darauf, diese Beziehung zu etablieren. Eine Frau, die eine Beziehung mit zwei Männern hat, scheint weitaus erklärungsbedürftiger zu sein als es andersherum der Fall wäre. Allerdings konterkariert Oliver Stone mit dieser Ausführlichkeit gerade seine Absicht, die Glaubwürdigkeit zu erhöhen – und lässt den Einstieg unnötig lang werden.

O – kurz für Ophelia – ist die perfekte Vertreterin der Laguna-Beach-Oberflächlichkeit. Shoppen ist ihre Religion, ansonsten langweilt sie sich viel und pflegt ihren hedonistischen Lebensstil. Darüber hinaus fungiert sie im Film – und auch in Don Winslows Roman – als Erzählerin. Während sie dadurch im Roman Raum und auch Stärke gewinnt, erscheint sie im Film unnötig naiv. Sie eröffnet Savages mit dem Satz, dass sie am Ende der Geschichte nicht notwendigerweise am Leben sein müsse, danach erklärt sie ihren Lebensstil und ihre Beziehung zu Ben und Chon. Dieser Text ist unnötig, da die Bilder bereits alles zeigen. Darüber hinaus fügen sich Sätze wie "Ich habe Orgasmen, Chon hat Wargasmen" im Buch in den knappen Stil ein, im Film ragen sie aber als Pointe nahezu peinlich heraus. Zumal O in der deutschen Synchronisation über eine sehr gehauchte Stimme verfügt, durch die sie wohl verführerischer erscheinen soll – letztlich aber unnötig mädchenhaft und schwach wirkt.

Im Gegensatz zu dem schwachen Anfang und dem schlichtweg ärgerlichen Ende ist der Mittelteil von Savages gelungen. Hier inszeniert Oliver Stone das Zusammenprallen zweier Kulturen in mitunter bestechenden Bildern. Vor Gewalt schreckt er nicht zurück, sondern inszeniert sie als selbstverständliches Kommunikationsmittel des Baja-Kartells. Darüber hinaus wird sehr deutlich, wie Ben und Chon selbst immer gewalttätiger werden, die Brutalität des Kartells aber weiterhin ablehnen. Über manche Unstimmigkeiten – beispielsweise reden die Mexikaner zumindest in der Synchronfassung auch untereinander deutsch mit spanischem Akzent – und die auffällige Musik lässt sich daher hinwegblicken. Denn es gelingt Oliver Stone hier, die pulp-Elemente auf politische Realitäten treffen zu lassen und einen Eindruck von der grundlegenden Misere im Kampf gegen die Drogen zu vermitteln.

Auch schauspielerisch ist der Film gut besetzt. Taylor Kitsch überzeugt als harter Kämpfer auf der ganzen Linie und treibt die Handlung voran, Benicio del Torro spielt mit großem Genuss den fiesen und sadistischen Killer Mado. Dagegen wirkt Aaron Taylor-Johnson fast hilflos, zumal es ihm auch nicht gelingt, Bens Wandlung vom Samariter zum Killer überzeugend darzustellen. Allerdings bekommt er auch wenig Hilfe vom Drehbuch. Unter den losen Enden der Geschichte leidet auch die von Salma Hayek gut gespielte Elena. Ihre Vergangenheit wird nur kurz angedeutet, stattdessen wird sie als verwöhnte Frau inszeniert, die sich bei einem Telefonat die Füße massieren lässt. Ihr Scharfsinn und ihre Macht bleiben hingegen Behauptungen. Darüber hinaus betont Oliver Stone Elenas Beziehung zu ihrer Tochter Magda, so dass der mütterliche Teil ihres Charakters weitaus akzentuierter dargestellt wird als ihre Rolle als eiskalte Drogen-Chefin.

Insgesamt ist Savages schwer einzuordnen. Es ist ein brutaler Drogenthriller, ein pulp-Film, aber auch eine politische Reflexion und ein Film über Freundschaften und Liebe. Angesichts der Qualität der Vorlage und des Talents der Beteiligten wäre sicherlich mehr drin gewesen, denn die erhoffte Wiederkehr des Regisseurs Oliver Stone ist Savages nicht.
 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/savages-2012