Liebe

...bis ans Ende unserer Tage

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Es beginnt mit einem harmlosen Zwischenfall beim Frühstück: Von einer Minute auf die andere verfällt Anne in eine Starre, ihre Augen blicken ins Leere, auf die Fragen ihres Mannes reagiert sie nicht mehr. Dann, nach kurzer Zeit, ist alles wieder wie vorher - nur dass Anne sich an nichts mehr erinnern kann.

Natürlich ist nichts mehr wie zuvor, das ahnt man schneller, als Anne und Georges dies realisieren. Es folgt ein Schlaganfall, dann später ein zweiter,der Anne halbseitig lähmt und an den Rollstuhl fesselt. Trotz der liebevollen Pflege ihres Mannes verfällt sie zusehends, ist phasenweise kaum mehr ansprechbar. Bis George irgendwann keinen Ausweg mehr sieht. Denn seine Frau jemand anderem zur Pflege anzuvertrauen, das bringt er nicht übers Herz. Und vielleicht ist dieser Ausweg für die beiden ja der einzig mögliche, der einzige, der ihrer Liebe füreinander gerecht wird.

Zwei Stunden dauert Michael Hanekes neuer Film Liebe- und allein wegen des Themas sowie der prinzipiell realistischen Herangehensweise drängt sich ein wenig der Vergleich zu Andreas Dresens Film Halt auf freier Strecke auf, der im letzten Jahr an der Croisette zu sehen war. Trotz des bitteren Themas aber ist Liebe - und das ist das vielleicht wirklich Neue - ein sehr zärtlicher und liebevoller Film geworden, der ganz nahe an seine Personen herangeht, ohne ihnen ihre Würde zu nehmen. Die aus der Situation folgenden Konflikte sind schlaglichtartig gesetzt und überdecken nicht die Titel gebende Liebe zwischen Georges und Anne, die sich nach vielen guten Zeiten ("Es ist schön, das Leben", sagt Anne an einer Stelle, als sie beim Durchblättern eines Fotoalbums Stationen ihres Lebens Revue passieren lässt) nun auch an schlechten Tagen bewähren muss.

Getragen wird Liebe von zwei Darstellern, die Unglaubliches leisten - vor allem Emmanuelle Riva, die alle Stufen des Verfalls zu durchlaufen scheint, ist unfassbar gut, da sie Jean-Louis Trintignant ein Gegenüber bietet, an dem er sich abarbeiten muss.

Wie häufig bei Haneke, so stehen auch hier die Stille, das Schweigen, das Nichtgesagte, die unterdrückten Konflikte und nicht unternommenen Handlungen, die Versäumnisse im Zentrum der Anordnung der Figuren. Und dennoch gibt es wesentliche Unterschiede im Vergleich zu früheren Filmen Hanekes. Das zunehmende Verstummen der Kommunikation, sonst ein Zeichen für dysfunktionale Strukturen bei Haneke, resultieren hier aus dem körperlichen und geistigen Zerfall Annes und aus Georges' Unfähigkeit, dieses Leid zu teilen und werden deshalb mit Milde und Verständnis betrachtet. "So ist es, das Leben", scheint uns Haneke zu sagen - und das Sterben, möchte man hinzufügen. Bei aller Härte und Düsternis, die Liebe ausstrahlt: Wem solch eine letzte Zeit mit seinem Partner vergönnt ist, der muss sich wohl glücklich schätzen.

Dass Liebe Chancen auf die Goldene Palme hat, ist zwar eher unwahrscheinlich (auf den Preis für die Beste Darstellerin möchte man aber beinahe wetten), dazu ist Das weiße Band noch zu präsent in den Köpfen der Jury. Ob solch ein schweres Drama, das seinen Reiz vor allem durch die Kargheit seiner Mittel und seine Beschränkung auf einen Schauplatz bezieht, beim deutschen Kinopublikum gut ankommt, wird abzuwarten sein. Was der Film aber eindrucksvoll belegt, ist eine neue Seite im filmischen Werk des großen Moralisten Michael Haneke.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/liebe