The Master

Meisterhafter Fall

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Es erinnert ein wenig an Michael Jacksons Dilemma nach seinem Jahrhundert- ach was, Jahrtausend-Album Thriller.Was macht man nur, wenn man, vor allem in noch recht jungen Jahren, ein so unglaublich gutes Werk hingelegt hat. Wie soll es weiter gehen, wie soll man sich damit messen? Man kann eigentlich nur verlieren, denn die Erwartungen sind so überdimensioniert, die Fallhöhe so hoch, dass man es eventuell nicht überlebt.
 

Und das ist nun das Dilemma von Paul Thomas Anderson. Sein neuer Film The Master muss in Nachfolge mit seinem Meisterwerk There Will Be Blood (zwei Oscars, zahlreiche andere Auszeichungen und die Anmerkung "bester Film des Jahrzehnts") antreten. Lange hatte man auf diesen Nachfolger gewartet, die Gerüchte darüber, dass auf einem 70mm-Format gedreht werde und dass Joaquin Phoenix und Philip Seymour Hoffman die Hauptrollen in dem als "Scientology-Biographie" bezeichneten Film übernehmen werden, kreierten einen Hype, der sich nur schwer befriedigen ließ. Und so kam es auch, dass nach der Filmvorführung eher Stille, ja geradezu Erschöpfung herrschte. Um den Film als eigenständiges Werk zu sehen, bedarf es einer Wartezeit und etwas Abstand, denn der Überbau an Marketing, Erwartungen und schon im Voraus erteiltem Kultstatus, soll nicht mit der Betrachtung des Filmes verbunden werden, genauso wenig, wie es hilfreich wäre ihn mit seinem Vorgänger zu vergleichen. Letztendlich ist der Film nur das, was er ist, im Kino spielt der Rest keine Rolle. Was also kann man von The Master erwarten?

Um es kurz zu machen: Anderson präsentiert großes, man kann sogar sagen episches Kino. Seine Fähigkeit, Bilder zu erschaffen, die nicht nur ästhetisch perfekt und wunderschön sind, sondern die auch in jeder Sekunde so plastisch und mit viel Emotionalität ausgestattet sind, dass es fast scheint, als würden sie atmen, scheint ausgereift. Lange schon hat man nicht solch imposante Liebe zur Visualisierung gesehen – Vergleiche mit Erich von Strohheim oder Orson Welles sind nicht übertrieben. Und diese Grandiosität wird nochmals verstärkt durch die Vergrößerung auf 70mm – da sage noch einmal jemand, dass das Material letztendlich keine Rolle spiele. Andersons Bilder sind eine ganz eigene Figur, sie füllen seine Welt mit stetiger Wärme und Emotionalität. Auf dieser Leinwand spielen zwei männliche Protagonisten, die die zwei Seiten einer Medaille darstellen: Freddie Quell (Joaquin Phoenix) ist gezeichnet vom Krieg, ein Alkoholiker, der am liebsten seinen Scotch mit Verdünner panscht, damit es mehr reinhaut. Freddie ist psychisch krank, nicht vom Krieg, wie sich bald herausstellt. In ihm tobt eine ständige Wut, gepaart mit einem massiven Sexualtrieb, den der Film bis auf zwei Szenen eher andeutet. Freddies Welt ist so verzerrt wie sein Gesicht, die eine Hälfte starr, die andere eine Grimasse. Er kann keine Jobs behalten, er hat niemanden, der ihn aufnimmt, so streunt er durch die Welt und trifft auf Lancaster Dodd (Philip Seymour Hofman), der auch "The Master" genannt wird. Lancaster ist ein ruhiger, besonnener Intellektueller, das gezähmte Gegenteil zu Freddie. Er ist der Guru einer Sekte namens "The Cause", eine Figur und Geschichte, die sehr stark angelehnt sind an die wahre Geschichte von L. Ron Hubbard und Scientology – doch eigentlich spielt dieser Fakt im Film nicht wirklich eine Rolle.

The Master ist, wie die Vorgängerfilme Andersons auch, vor allem ein Film über zwei Männer, die sich auf der Suche befinden, die sich gegenseitig Ersatzväter und -söhne sind, obwohl oder gerade weil sie den jeweils Anderen zerstören. So versucht Lancaster die Psyche Freddies mit seinen Methoden zu zähmen, doch letztendlich zeigt sich, dass der Wahnsinn eines religiösen Kultes alle einlullen kann, außer die, die noch wahnsinniger sind. Der Film schwankt zwischen zwei Beobachtungen hin und her: einmal erzählt er die Entwicklung von "The Cause", doch meist bleibt er bei Freddie und Lancaster, zwei verlorenen Männern und damit zwei Figuren, deren Darsteller sich gegenseitig in unglaubliche (aber manchmal auch übertrieben geschauspielerte) Höhen treiben. Die Erzählung des Films ist so löchrig wie Freddies alkoholgetränktes Hirn, es gibt Aussparungen, Sprünge, Andeutungen, die in ihrer Gesamtheit fast schon selbst eine Geschichte sind.

Genau hierin liegt das Problem des Films: Während Anderson Kamera, Ton, Schnitt etc. geradezu meisterhaft zu manipulieren vermag, so liegt seine Schwachstelle in der Geschichte und ihren Charakteren. Die Aussparungen führen insgesamt dazu, dass ein Vakuum entsteht, in dem der Zuschauer zusehends verschwindet. Der Film verschluckt sich selbst Stück für Stück und lässt ein leeres Gefühl zurück; so als hätte man etwas auf dem grandiosen Weg verloren.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/the-master