Les Misérables (2012)

Das ganz große Leiden

Die Geschichte ist ganz nah an der Musicalfassung (welche wiederum von Victor Hugos Die Verdammten adaptiert wurde): Ein paar kleinere Aussparungen und Umdeutungen inbegriffen folgt sie dem Leben mehrerer Menschen im Frankreich während des 19. Jahrhunderts. Angefangen beim Ex-Sträfling Jean Valjean (Hugh Jackman) über die Prostituierte Fantine (Anne Hathaway), ihrer Tochter Cosette (Amanda Seyfried), dem Polizisten Javert (Russell Crowe) und diversen anderen Charakteren, die ein Bild der damaligen Gesellschaft und Lebensumstände zeichnen, welches vor allem von geplatzten Träumen, Liebe, Leidenschaft und Opferbereitschaft geprägt ist. Und somit ganz massiv christlich religiöse Themen anspricht und auch ausschließlich in diesem Kontext verarbeitet. Valjean ist der klassische Märtyrer, Fantine, die gutherzige Hure, ist eine eindeutige Darstellung der Maria Magdalena.

Irgendwie ist Les Misérables ganz schön altmodisch und gar ein wenig nostalgisch in der Art, wie der Stoff filmisch verarbeitet wurde. Doch das ist gar nicht per se schlecht, große Epen tragen stets eine Art von versöhnlicher Rückgewandtheit in sich. Regisseur Tom Hooper (The King’s Speech) hat ja bereits bewiesen, dass er sich bestens auskennt mit dieser Art von Melancholie. Auch hier bei diesem pompösen Machwerk (das mit 158 Minuten Laufzeit auch ein bisschen episch in der Länge ist) vermag er die Balance zu halten und nicht in Kitsch umzukippen. Gekonnt arbeitet er mit moderner Digitaltechnik, um die großen Szenerien prächtig aussehen zu lassen. Teils erinnert seine visuelle Umsetzung an die Mutter aller epischen Historienfilme: Cabiria (Italien, 1914). Kontrastiert und emotional verankert wird dieser Pomp durch die einzelnen Charaktere – und hier muss man sagen: Anne Hathaway und Hugh Jackman bieten beide die wohl beste Darbietung ihrer bisherigen Karriere, die Jackman sogar eine Oscar-Nominierung eingebracht hat. (Insgesamt ist der Film sogar mit acht Oscar-Nominierungen einer der großen Favoriten.)

Ein wirklich gelungener Film also, der maximal an persönlichen Antipathien dem Genre und der Machart gegenüber scheitern könnte.

(Festivalkritik vom 63. Internationalen Filmfestspielen Berlin, Beatrice Behn)

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/les-miserables-2012