Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger

Auf schwankendem Boot zu optischen Wunderwelten

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Lee verwendet das Jugendabenteuer in ähnlicher Weise wie es Martin Scorsese mit Hugo Cabret getan hat, als die Spiellust fördernde Vorlage für Erkundungen in den neuen Gefilden des digitalen und 3-D-Mediums. Mit der Übersetzung in fantastische Bilder entspricht die Filmversion von „Life of Pi“ dem Zwittercharakter von Martels Geschichte zwischen physischer Ausnahmesituation und geistig-emotionaler Fülle. Ohne die Anwesenheit des Tigers mit Namen Richard Parker im Rettungsboot hätte die Odyssee des 17-jährigen Pi Patel (Suraj Sharma) wohl die eintönige Trostlosigkeit anderer Survivalgeschichten ausgestrahlt. Aber Pi, der in ständiger Angst leben muss, vom Tiger angegriffen zu werden, sieht darin schließlich sogar ein lebensrettendes Element. Zu Wachsamkeit gezwungen, kann er sich nicht unmerklich, schleichend aufgeben. Er muss sich ein kleines Floß aus Schwimmwesten basteln als Rückzugsmöglichkeit vor dem Tiger, für das hungrige Tier Fische fangen und es sogar mühevoll mit Trillerpfeife und gezielter Provokation von Seekrankheit dressieren, um sich den Zugang zu einer Bootshälfte zu sichern.

Schon die ersten Bilder in Pis indischer Heimat Pondicherry, unterlegt mit sanftem Folkloregesang, stimmen auf einen Erzählstil unschuldiger Verklärung ein. Zebras, Raubkatzen, Elefanten, exotische Vögel tummeln sich im Zoo, den der Vater des Jungen betreibt. Pi (als Kind: Ayush Tandon) wächst behütet in einer Familie auf, die sogar seine religiösen Eskapaden toleriert, nämlich dass der Junge allen Ernstes sowohl praktizierender Hindu, als auch Christ und Moslem zugleich sein will. Ende der 1970er Jahre beschließt die Familie, nach Kanada auszuwandern und geht mit einem Teil der Tiere an Bord eines japanischen Frachters. Wie im Roman, umschließt auch im Film eine Rahmenhandlung das Geschehen: Viele Jahre später bekommt der längst erwachsene Pi (Irrfan Khan) Besuch von einem Schriftsteller (Rafe Spall), dem er seine Geschichte erzählt.

Als der Frachter sinkt, kennt man schon etliche skurrile, komische und wundersame Anekdoten aus Pis Leben, von der merkwürdigen Wahl seines Vornamens bis zu der nachdrücklichen Lektion seines Vaters, dass ein Tiger niemals ein Freund des Menschen wird. In den Wirren der Sturmnacht fällt ein Zebra aus dem Schiff zu Pi in das Rettungsboot und ohne dass er es verhindern kann, erobert es kurzerhand auch der aus den Fluten aufgetauchte Richard Parker. Der Tiger verschwindet zunächst unter der Plane des Bootes, von wo auch eine Hyäne auftaucht. Ein Orang-Utan kann sich zwar ebenfalls auf das Boot retten, doch dann attackiert die Hyäne und schließlich der Tiger, der als einziges Tier übrigbleibt.

Die visuelle Gestaltung verbindet Realitätsnähe in Form von Dreharbeiten in Indien und einem riesigen Wassertank mit einer täuschend echt aussehenden Tigerfigur, die am Computer erschaffen wurde. Die 3-D-Aufnahmen bringen Dinge aus den Tiefen des Raumes glasklar heran. Das Wasser erhält eine einladend durchlässige, bis zur Unsichtbarkeit wandlungsfähige Textur. Allmählich gesellen sich künstlich wirkende Kompositionen hinzu, die das Wunder nicht in der Natur suchen, sondern in der Vorstellungskraft. Martels Geschichte vertraute ja die schwimmende Kontur der Wirklichkeit dem auch nach innen gerichteten Auge ihres Betrachters Pi an. Ang Lee zeigt, wie verführerisch die Möglichkeiten des Mediums Film geworden sind, objektive Wahrnehmung und subjektive Bildwelten zu vermischen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/life-of-pi-schiffbruch-mit-tiger