Paradies: Glaube

Jesus liebt dich

Eine Filmkritik von Festivalkritik Venedig 2012 von Beatrice Behn

Genau diese Szenen sind es auch, in denen Seidl seine stärksten Bilder findet, das Aufeinandertreffen dieser fremden Menschen, die mal verwundert, mal aggressiv auf die überraschende Heimsuchung Annas (und Marias) reagieren, sind einfach urkomisch und fast unerträglich zugleich. Noch schrecklicher ist dabei der Gedanke, dass solche Szenen inzwischen fast täglich im deutschen Fernsehen in Realityformaten über den Äther geschickt werden, nur mit dem Unterschied, dass sie außer Blamage nichts enthalten. Blamage und das radikale Aufzeichnen des alltäglichen Wahnsinns hat bei Seidl wiederum Methode - hier kommt er ran an die Figuren und deren Innenleben. Und auch an die österreichische Seele an sich, die bei ihm stets respektvoll, aber hyperehrlich portraitiert wird. Schön ist das nicht, die nackte Wahrheit ist eben hässlich und spießig zugleich.

Doch Seidl begnügt sich niemals nur mit solchen Augenblicken. Wie schon im ersten Teil treibt er seine Geschichte bis zum bitteren Ende. Nach dem langen Aufbau Annas als tiefgläubige, gute Frau, die ausschließlich den Geboten Gottes folgt und für die Vergebung und Barmherzigkeit alles bedeuten, kommt es faustdick. Eines Tages sitzt nämlich Nabil in ihrem Wohnzimmer. Der gehbehinderte Moslem, so stellt sich bald heraus, ist Annas Ehemann, der nach Jahren der Abwesenheit zurückkehrt und nicht glauben kann, was für einen Wandel seine Frau da hingelegt hat. Da ist es bald dahin mit der noch eben gepredigten Barmherzigkeit. Anna, deren Gottesliebe vor allem ein Versuch ist, ihre Trauer und ihre Verletzung darüber, dass sie nicht geliebt wird, zu kompensieren, reagiert passiv-aggressiv auf den in allen Aspekten falschen Mann. Schon bald bricht im Haushalt ein Kleinkrieg aus, der alle bisherigen Religionsstreitigkeiten in seinen Schatten stellt. Wer glaubt an das Richtige und wer hält sich überhaupt an die Gebote, wenn es Schlag auf Schlag kommt?

Paradies: Glaube schafft den nahtlosen Anschluss an den ersten Teil und funktioniert sowohl als Fortsetzung als auch als eigenständiger Film einwandfrei. Ein wenig zu lang ist er geraten und dreht sich manchmal zu sehr im Kreis. Das ist man gewohnt von Seidl, sein präzises Hinschauen bedarf der Wiederholung, des Wechselns der Ansicht, auch wenn diese sich manchmal nur durch ein paar Millimeter von der vorhergehenden unterscheidet. Trotzdem, die perfekte Manipulation der Erzählgeschwindigkeit, die im ersten Teil präzise wie ein Schweizer Uhrwerk die Geschichte mit sich trug, funktioniert hier nicht ganz. Das fordert mehr Geduld vom Zuschauer, doch diese sollte man dem Film unbedingt zugestehen. Als Belohnung wird man abermals mit grandios kadrierten Bildern belohnt und kann einer Geschichte beiwohnen, die einen herrlich verstören und unangenehm berühren wird und die in all ihrer Konstruiertheit eine echte, herrlich dreckige und sich nach Liebe verzehrende Seele trägt.

(Festivalkritik Venedig 2012 von Beatrice Behn)

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/paradies-glaube