Lincoln

Dialoglastige Geschichtsstunde

Eine Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Dass der US-Präsident Abraham Lincoln im 19. Jahrhundert auf dem amerikanischen Kontinent die gesetzlich legitimierte Sklaverei abgeschafft hat, weiß heute jedes Kind. Wie es dazu kam, ist jedoch eine weniger bekannte Geschichte, die Regisseur Steven Spielberg und Drehbuchautor Tony Kushner nun erstaunlich nüchtern auf die Leinwand bringen.
Nach seiner Wiederwahl ist es Lincolns (Daniel Day-Lewis) primäres Ziel, den 13. Zusatzartikel durchzusetzen, der die Sklaverei in den USA offiziell verbietet. Mit dieser Erweiterung der Verfassung würde auch dem Bürgerkrieg endlich ein Ende gesetzt und dem von Gewalt gebeutelten Land der Frieden zurückgegeben werden. Doch nur mit Argumenten lassen sich die stimmberechtigten Abgeordneten nicht überzeugen. Der Präsident muss sich unlauterer Mittel bedienen, um sein Ziel zu erreichen. Aber Lincoln ist nicht nur Politiker, er ist auch Ehemann und Vater. Seine Frau (Sally Field) droht am Tod ihres jüngsten Sohns und der anhaltenden politischen Krise psychisch zu zerbrechen. Zu groß ist die Angst, auch ihren Ältesten (Joseph Gorden-Levitt) zu verlieren, der sich nicht davon abhalten lässt, als Soldat in den Krieg zu ziehen.

Abgesehen von der pathetischen Blasmusik, die gleich zu Beginn des Films deutlich macht, dass im Folgenden ein wichtiges Kapitel der amerikanischen Geschichte erzählt wird, hält sich Steven Spielberg in seiner Inszenierung erstaunlich zurück. Lincoln selbst ist keine schillernde Figur, sondern ein aschfahler, ausgezehrter Mann, der zwar auch in Anbetracht der brenzligen Lage stets die Ruhe bewahrt, in dieser Zurückhaltung jedoch zunehmend emotional unbeteiligt wirkt. Der US-Präsident tritt hier nicht als glorifizierter Held auf, sondern als tragische Figur, die sich gezwungen sieht, ihre noblen Ziele mit zwielichtigen Mitteln zu verfolgen. Erst im letzten Drittel des Films, wenn es Zeit ist für die wichtigen Debatten und die Entscheidung über den Zusatzartikel, wählt Spielberg das wenig einfallsreiche Mittel der Dehnung, um diesen zentralen Passagen Bedeutung zu verleihen. Die Folge ist eine ermüdend langatmige Darstellung einer Abstimmung, deren Ausgang wir ohnehin schon kennen.

Überhaupt fehlt es dem Film an Dynamik. Abgesehen von den etwas ungelenken Gefechtsszenen in den ersten Minuten, handelt es sich bei Lincoln fast um ein Kammerspiel. Die Handlung besteht zu einem Großteil aus komplexen politischen Dialogen, die sich in den Räumen des Weißen Hauses oder des Abgeordnetenhauses abspielen. Ein Spannungsbogen ist ausschließlich durch den Kampf um den 13. Zusatzartikel gegeben. Da das Ende der Geschichte dem Zuschauer jedoch bekannt ist, funktioniert dieses politische Ziel nur sehr bedingt als Motor der Geschichte. Die Dramaturgie krankt zudem am fehlenden Fokus. Spielberg kann sich nicht entscheiden, worum es in seinem Film eigentlich gehen soll. Steht Lincoln als Privatperson, als passionierter Geschichtenerzähler und Familienmensch im Zentrum? Oder geht es doch um die Abschaffung der Sklaverei? Oder um etwas ganz anderes, nämlich den Bürgerkrieg und die Spaltung der USA in zwei unversöhnliche Kulturräume? Insbesondere am Ende des Films fällt das Fehlen eines klaren Schwerpunkts ins Gewicht, wenn die Handlung nach der bis dahin vermeintlich zentralen Abstimmung in definitiv verzichtbaren Nachwehen ausplätschert.

An den Darstellern liegt es in jedem Fall nicht, dass Lincoln sein Publikum nur schwer fesseln kann. Insbesondere Sally Field spielt mit einer ungeheuren Kraft. Tommy Lee Jones als politisch pöbelnder Sklavereigegner Thaddeus Stevens entwickelt gar ein wenig Komik und sorgt für die raren Unterhaltungsmomente des Konzepts. Daniel Day-Lewis spielt den Helden der Geschichte derart zurückhaltend und mit so viel Feingefühl, dass Lincoln neben den extrovertierteren Figuren zuweilen in den Hintergrund tritt. So aber gelingt es dem Hauptdarsteller in seiner Rolle, Lincoln nicht als eindimensionale Ikone, sondern als ganzen Menschen mit Sorgen und Nöten zu portraitieren.

Obwohl der Zuschauer für die komplexen Charaktere grundsätzlich Sympathie entwickeln kann, bleibt es anhaltend schwierig, sich auf die Geschichte einzulassen. Die komplexen politischen Ereignisse werden fast ausschließlich durch anspruchsvolle und ausufernde Dialoge vermittelt, was selbst für ein Publikum mit historischer Vorbildung durchaus eine Herausforderung darstellt. Vorkenntnisse bezüglich des politischen Systems der USA und der amerikanischen Geschichte des 19. Jahrhunderts sind unabdingbar um der Geschichte auch nur ansatzweise zu folgen. Es ist bedauerlich, dass Spielberg damit seine Zielgruppe so stark auf das Bildungsbürgertum beschränkt. Lincoln erzählt nämlich nicht nur vom Kampf gegen die Sklaverei, sondern auch von der Schwierigkeit politischer Prozesse. Auf dem Weg zu seinem noblen Ziel, ist Lincolns Weg zuweilen alles andere als nobel. Er ist unehrlich, er bedient sich der Korruption. Spielberg entzaubert vollkommen überraschend einen amerikanischen Mythos und macht damit offenbar, dass Richtig und Falsch, Gut und Böse nicht immer so eindeutig zu trennen sind, wie uns gewisse politische Redeführer glauben machen wollen.

Lincoln ist reich an Informationen, reich an Moral und guten Absichten. Vielleicht etwas zu reich. Im Grunde ist der Film nichts anderes als eine Geschichtsstunde, in der es vor allem um die Vermittlung von Inhalten geht. Leider erweist sich Steven Spielberg als schlechter Lehrer, dem es nicht gelingt, ein im Grunde spannendes Kapitel der Historie auch als solches zu präsentieren.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/lincoln