Mama

Digitale Mutterliebe

Eine Filmkritik von Martin Beck

Kann man einem Film unbefleckte Vorfreude entgegenbringen, wenn man weiß, dass seine inhaltliche Basis ein dreiminütiger Kurzfilm ist? Mama verkneift sich darauf die erwartete Antwort und offeriert lieber interessanten Horror, der trotz einiger Schwächen immer noch sehenswert bleibt. Wegen dem starken Drama im Herzen des Grauens, der dichten, stilsicheren Inszenierung und natürlich Hauptdarstellerin Jessica Chastain – die eine sehr gut geschriebene Figur sehr gut spielt und damit angenehme Erinnerungen an Vera Farmiga in Orphan weckt.
Dort wie hier steht eine starke, vielschichtige Frau im Mittelpunkt, deren "Familie" von Eindringlingen bedroht wird. In Mama sind das zwei Mädchen, die jahrelang im Wald lebten und schließlich vom Bruder des per Selbstmord verschiedenen Papas aufgenommen werden. Die starke Frau nun ist die Freundin des Bruders, die nur widerwillig die Kinder akzeptiert und schon bald merkt, dass die Jahre im Wald wohl doch unter elterlicher Aufsicht standen – in Gestalt des titelgebenden Dämons, der den beiden Mädchen anscheinend gefolgt ist.

Gleich am Anfang freut sich Jessica Chastain über einen negativen Schwangerschaftstest, die Mama hier ist alles andere als eine typische Mama und kleine Kinder erwecken kaum natürliche Mutterinstinkte. Der Titel des von Guillermo del Toro produzierten Films darf getrost als Kampfansage an (Horror-)Klischees gedeutet werden, die dank kantiger Figuren, einem satten dramatischen Kern und gut gesetzter Schocks auch kaum zum Einsatz kommen. Wenn jemand wie Chastain hier anheuert, muss einfach mehr im Busch sein als knapp bekleidete "final girl"-Weihen.

Regisseur Andrés Muschietti, der bereits den Mama-Kurzfilm inszeniert hat, kennt sich offensichtlich im Horrorgenre aus und ist auch noch so schlau, den bekannten Fallen einen frischen Drall zu geben. Neben den bereits erwähnten Pluspunkten ist weiterhin Mama selbst zu nennen, die zwar mitunter an diverse J-Horror-Antagonisten erinnert, doch dafür eine richtige Geschichte mit erneuten Reibungspunkten zum Filmtitel bekommt. Genauso wie übrigens auch die beiden Mädchen (gespielt von Megan Charpentier und Isabelle Nelisse), die ebenfalls greifbare, durchaus komplexe Figuren darstellen. Und die eigentlich fällige "böse Kinder"-Schublade gar nicht erst finden können.

Mama macht vieles richtig und landete auch verdientermaßen auf Platz 1 der US-Kinocharts, aber der ganz große Wurf ist es leider trotzdem nicht geworden. Dazu ist die Geschichte dann doch zu oft im Déjà-Vu-Modus, der Showdown driftet gefährlich nahe an unglaubwürdiges Kopfschütteln, der Score (von Fernando Velásquez) drischt ein Klischee nach dem anderen und der Horrorgehalt von CGI-Effekten liegt nach wie vor in der Tiefkühltheke – was umso tragischer ist, weil Muschietti auch handgemachte Effekte einsetzt und mit diesen (natürlich) wesentlich mehr packen kann.

Nein, Mama ist nicht perfekt. Und bleibt trotzdem ein sehenswerter Horrorfilm, weil hier einfach offensichtlich ist, dass die Beteiligten mehr wollten als für die Fertigstellung eines Genrebeitrags mindestens notwendig ist. Eine Nadel im Heuhaufen eben, wenngleich mit abgestumpfter Spitze. Auch solche Gelegenheiten kommen selten genug für eine deutliche Empfehlung.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/mama