Jesus liebt mich

Die Apokalypse zur Weihnachtszeit

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Die Romane von David Safier sind Erfolgsbücher und von den deutschen Bestsellerlisten seit Mieses Karma (2007) nicht mehr wegzudenken. Deshalb verwundert es auch ein wenig, dass mit Jesus liebt mich von Florian David Fitz jetzt erst die Filmversion eines Safier-Romans in die Kinos kommt. Andererseits – die Romane machen eine Verfilmung aufgrund ihrer fantastischen Elemente und ihres sprachlichen Witzes nicht unbedingt leicht. Aber Jesus liebt mich ist keine Verfilmung im engeren Sinne, sondern vielmehr ein Film frei nach den Motiven des Romans von 2008. Hinsichtlich seines Humors und witziger Details übertrifft der Film den Roman vielleicht sogar; dramaturgisch allerdings kommt er nicht an die Romanvorlage heran. Und er schafft eine ganz eigene und andere Welt, als dies der Roman tut: märchenhaft, sakral und mit der Stimmung einer Welt von Peter Jackson.
Es geht darum, dass Jesus (gespielt vom Drehbuchautor und Regisseur Florian David Fitz selbst) auf die Erdenwelt kommt, um die Apokalypse, den Tag des Jüngsten Gerichts, vorzubereiten. Dabei begegnet Jeshua, wie er sich nennt, Marie (Jessica Schwarz), einer von Beziehungen zum anderen Geschlecht ziemlich frustrierten Mitdreißigerin, die eben die Hochzeit mit Sven (Marc Benjamin Puch) hat platzen lassen. Jeshua fühlt sich sofort hingezogen zu Marie, und das nicht allein deshalb, weil sie ihn – abgesehen von ihrer Nase – an Maria Magdalena von einst erinnert. Jeshua lässt sich sodann von Marie die Welt der Gegenwart zeigen und erklären. Auch Marie ist sofort fasziniert von diesem sonderbaren Mann, und zwischen den beiden entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte, die damit den Lauf der heiligen Geschichte gefährdet.

Auch die weiteren Figuren bauen an ihren Liebesnestern: Maries Vater Werner (Peter Prager) hat sich in Svetlana (Palina Rojinski) verliebt, die er über eine Vermittlungsagentur im Internet kennen gelernt hat. Und mit ihr, so meint er, hat er auch die zwanzigjahrelange Trennung von seiner Frau überwunden. Maries Mutter Sylvia (Hannelore Elsner) hat ihrem Leben eine esoterische Note verliehen, hat sowohl Mann und Kind früh als auch den Geliebten Gabriel (großartig: Henry Hübchen) verlassen und kehrt nun in den Kreis der ehemals Geliebten zurück. Letzterer hatte für Sylvia sein himmlisches Dasein aufgegeben, den Job als Erzengel an den Nagel gehängt, die Flügel abgegeben und ein Leben als Sterblicher und Dorfpfarrer angetreten; seitdem Sylvia ihn verlassen hat, lebt er ein sinnentleertes Leben. Nun waren zur Hochzeitsfeier von Marie alle zusammengekommen, und nachdem diese dann ja nicht stattgefunden hat, sind sie alle ziemlich orientierungslos, was sie mit sich selbst und miteinander anfangen sollen. Hinzu kommt, dass schon am Dienstag der große Tag der Offenbarung naht. Und das heißt: Wer in den Himmel will, muss sich sputen, um zu den Guten gezählt zu werden.

Fitz glänzt in der Rolle des Jeshua, er hat sie sich wahrlich auf den Leib geschrieben. Die Ambiguität zwischen Messias und immer mehr menschelndem Jeshua verkörpert er glaubwürdig: Er erscheint meist sanft und redet in bedächtigen Worten, wagt sich dann jedoch immer weiter und manchmal kaum merklich aus der Rolle des Menschensohns heraus. Er wird einen Tick lauter als gewohnt und hält schließlich nicht mehr nur die andere Wange hin, sondern zieht Satan (Nicholas Ofczarek) im Duell am Tag der Apokalypse kräftig eins über.

Etwas schwammig dagegen bleibt leider die Figur der Marie, deren Charakter im Roman weitaus klarer umrissen ist. Während die Marie des Films während der Trauung aufgrund ihres Korsetts umkippt, sagt die Marie der Romanvorlage eindeutig 'nein'. Dies hätte man der Film-Marie ruhig auch zutrauen können. Die Verlobung mit Sven und die Motive für die geplatzte Hochzeit bleiben im Unklaren; das und warum Marie so enttäuscht ist in Liebesdingen, wird ebenso wenig geklärt. Dadurch verliert die Figur an Tiefe, die man sich doch gewünscht hätte. Schwarz spielt das Lieben und das gleichzeitige Zweifeln an diesem einzigartigen Mann aber sehr authentisch und macht in feinstem Mimikspiel deutlich, wie sehr das eine das andere stört.

Der Film startet mit einer Art Prolog. Pfarrer Gabriel führt für Grundschüler ein Puppenspiel über das Ende der Welt auf und ruft damit auch für den Zuschauer die Apokalypse in ihrem Original ins Gedächtnis. Die Puppenwelt ist dunkel und scheint einer alten, traditionellen Spielzeugkiste entsprungen, die das Design der Märchenwelt von Jesus liebt mich prägt. Dass hier aber ein betrunkener Dorfpfarrer seinen Job nicht allzu ernst nimmt und sowohl den Kindern als auch der großbebrillten Lehrerin mehr als nur einen Schreck einjagt, leitet schon den Grundton der Komödie ein. Jesus liebt mich changiert durchweg zwischen ernsthaftem Märchen auf der einen Seite und fröhlichem Possenspiel auf der anderen Seite, und dieses Oszillieren dazwischen ist durchaus reizvoll.

Vor allem aber ist es die Liebe zum Detail, die den Film zur gelungenen Komödie macht. Wenn Gabriel Wein will, aber nur Wasser bekommt, hält er Jeshua ganz selbstverständlich das Glas hin; Jeshua tippt beiläufig gegen das Glas, und schon wird Wasser zu Wein. Auch an scharfsinnigem Wortwitz fehlt es dem Film nicht. Und Requisiten und Maske tun das Ihre dazu: Gabriels Narben auf dem Rücken, dort, wo sich einst die Flügel des aus dem Dienst ausgeschiedenen Engels befunden haben, sind ein schöner Gag, der allerdings dadurch geschmälert wird, dass Satan – der als gefallener Engel ebensolche Narben trägt – Gabriel darauf anspricht. Das ist schade – effektvoller wäre es gewesen, sie als Accessoires so zu belassen wie sie sind und sie den aufmerksamen Zuschauer selbst entdecken zu lassen.

Als Film-Version des Romans allerdings enttäuscht Jesus liebt mich. Wer den Roman gelesen hat, wird viel vom in sich stimmigen Plot vermissen. So wurde im Film die Geschichte des Verrats wegen fehlender Figuren umgestaltet und mag – ebenso wie das Ende – nicht so recht überzeugen. Dies auszuführen, wäre an dieser Stelle aber schon zu viel verraten. Störend ist auch die fortlaufende Musik im Hintergrund, eine Sache, an dem viele zeitgenössische Filme kranken.

Das Thema passt natürlich wunderbar in die Vorweihnachtszeit: Die Läuterung und das Besserwerden eines Einzelnen kann doch tatsächlich die Apokalypse verhindern. Soweit geht ein Film des Genres Weihnachtsfilm natürlich selten, aber in seiner Überzogenheit ist Jesus liebt mich vielleicht auch gerade ein gutes Rezept gegen allzu viel Glückseligkeit im Namen des Herrn.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/jesus-liebt-mich