Voll abgezockt

Ich bin dick, hab mich lieb

Eine Filmkritik von Martin Beck

Man fragt sich bei Voll abgezockt immer wieder, was dieser Film eigentlich von seinem Publikum hält. Sind unsere Lachmuskeln wirklich so auf Entzug, dass eine Sexszene mit der korpulenten Hauptdarstellerin (Melissa McCarthy) und einem Cowboy namens Big Chuck (Eric Stonestreet), bei der diverse Stellungen durchgestöhnt werden und der versteinerte Hauptdarsteller (Jason Bateman) zum unfreiwilligen Augenzeugen wird, bereits schrille Schenkelklopfer absondert? Hauptsache auf die Zwölf halt, dann bleibt schon irgendwas kleben. Wenn’s sein muss, auch der gute Geschmack.

Voll abgezockt ist ein Paradebeispiel für das inzwischen völlig pervertierte Humorverständnis amerikanischer Multiplex-Kinos. Die bereits erwähnte weibliche Hauptfigur ist eine unvorstellbar laute Assi-Trulla, die jenseits aller Verbrechen und definitiv psychopatischer Aktionen eigentlich nur geliebt werden möchte, und die ebenfalls bereits erwähnte männliche Hauptfigur gibt einen völlig ausgehöhlten "straight guy", der eine doofe Entscheidung nach der anderen trifft und trotzdem ein überirdisches Frauchen (Amanda Peet) und eine klinische Vorstadt-Idylle sein Eigen nennen darf.

Möchte man diese Typen im richtigen Leben treffen? Um Gottes Willen. Doch warum ihnen dann zwei Stunden Lebenszeit schenken – zumal die inhaltliche Basis auch noch darin besteht, dass SIE in seinem Namen Kreditkarten überzieht und ER daraufhin einen gemeinsamen Road Trip anstrengt, um die dadurch entstandenen Probleme auszubügeln. Und dabei natürlich allerlei "opposites attract"-Nummern zündet, den überaus sanften Kern der schrillen Betrügerin entdeckt und ca. ab der Mitte des Films diversen schießenden Verfolgern entkommt. Die mindestens so motiviert erscheinen wie der ursprüngliche Anlass für dieses Road Movie.

Das zentrale Ärgernis bei Voll abgezockt ist der grundsätzliche Minus-Charme der ganzen Veranstaltung. Die beiden Hauptfiguren sind durch und durch falsche Abziehbilder, das ganze Herumgefahre wäre mit einem Flugticket völlig obsolet und diese Actioneinlagen plus die vor ätzendem Sentiment nur so triefenden Dramaszenen bedeuten wie immer billige Ausreden für leergelaufende Gagschmieden. Ein Film wie sein Originaltitel (=Identity Thief), der über Gebühr doof ist und sich ständig bei wesentlich besseren "Vorbildern" wie Midnight Run oder Ein Ticket für Zwei bedient.

Mit anderen Worten: Voll abgezockt ist in Amerika ein satter Hit. Weil natürlich schon ständig Alarm ist, die beiden Hauptdarsteller bereits wesentlich mehr bewiesen haben und die Vorstellung flotter Popcorn-Unterhaltung immer noch den verführerischen Hauch vergangener Blaupausen erzeugt. Wer hier glücklich wird, sieht auch einem neuen Kevin James- oder Adam Sandler-Film mit diffuser Freude entgegen. Man ist ja quasi ständig auf der Suche nach einer Komödie, selbst wenn sie vom Regisseur von Kill the Boss (=Seth Gordon) und dem Drehbuchautor von Scary Movie 3 & 4 und Hangover 2 (=Craig Mazin) stammt.

Voll abgezockt lebt von purer Verzweiflung. Eine erfolgversprechendere Basis kann man sich kaum vorstellen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/voll-abgezockt