Upstream Color

Kino als sinnliche Erfahrung

Eine Filmkritik von Peter Osteried

Upstream Color sperrt sich dem kognitiven Verstehen. Der Film sperrt sich auch einer einfachen Nacherzählung. Man kann ihn maximal erfühlen - und selbst hier muss man akzeptieren, dass einem dabei Einiges verschlossen bleibt. Das klingt schrecklich anstrengend und das ist es auch – aber auf eine gute und unglaublich befriedigende Art.

Man kann sich dem Werk dennoch bruchstückhaft nähern, indem man seine Einzelteile ein wenig beschreibt. Da sind die zwei Protagonisten Kris (Amy Seimetz) und Jeff (Shane Carruth), die beide dasselbe Trauma erfahren haben. Und dann gibt es naturalistische Aspekte, die in irgendeiner unbekannten Verbindung stehen: Blaue Orchideen, Raupen, die es erlauben, den Geist anderer Menschen zu steuern und Schweine. Sie sind verbunden mit Kris und Jeff auf einer Ebene, die man wohl am besten als spirituell beschreibt. Sie bedingen sich auf fast schon magische Weise. Zwischen Horrorfilm und Thriller, Science-Fiction und Romanze verschwimmen alle Grenzen, lösen sich auf, fließen ineinander.

Und genau darauf, so scheint es, will der Film hinaus: Anstatt auf den ausgetretenen Pfaden eines traditionellen Erzählkinos zu wandeln, lädt Upstream Color ein zu einer transzendentalen Übung auf und vor der Leinwand. Denn genauso, wie alles sich bedingt und gleichsam alles ineinander verschwimmt und nur Rudimente oder besser gesagt Ahnungen einer Stringenz zurückbleiben, so überträgt sich dieses Gefühl auch bald auf den Zuschauer.

Vorausgesetzt, man kann mit dieser Art des Filmemachens etwas anfangen und bleibt nicht beim Versuch hängen, dem gesamten Gebilde irgendeinen handfesten, logisch nachvollziehbaren Sinn zu entlocken, fließt man alsbald mit großer Faszination in die Welt des Filmes hinein und kann sich ab hier einzig und allein von den erzeugten Bildern und Gefühlen steuern lassen. Ein Erlebnis, das man sonst im Kino eher selten erlebt.

(Beatrice Behn)
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Zerfaserte Metaphorik

Der Dieb benutzt Würmer, die er seinen Opfern auf unterschiedliche Art und Weise einflößt. Mit ihnen gelingt es ihm, seine Opfer derart willig zu machen, dass sie ihm ihre Ersparnisse geben. Kris ist sein neuestes Opfer, findet aber Hilfe bei einem Mann, der den Wurm aus ihr entfernt und in ein Schwein transferiert. Gebrochen verliebt sich Kris in Jeff, der ebenfalls von einem Wurm befallen war. Beider Vergangenheit verschmilzt immer mehr miteinander, bis sie nicht mehr unterscheiden können, wer was erlebte.

So oder ähnlich muss man Upstream Color, den neuen Film von Shane Carruth, der vor fast zehn Jahren mit Primer auf sich aufmerksam gemacht hatte, wohl zusammenfassen. Aber: Der höchst metaphorische, in seiner Narrative sehr zerhackte Film, der es dem Zuschauer nicht leicht macht, ihm zu folgen, kann sicherlich auch anderweitig interpretiert werden. Carruth wollte wohl eine Geschichte über Identitätsverlust erzählen, nutzt dafür aber eine Herangehensweise, die den Großteil seines Publikums außenvor lässt.

Umso bedauerlicher, da Upstream Color Bilder von poetischer Schönheit zu bieten hat. Die musikalische Untermalung ist grandios, die schauspielerischen Leistungen frei von jeglichem Makel und die Vision des Filmemachers einzigartig. Allein, er lässt den Zuschauer nicht an ihr teilhaben. Upstream Color fühlt sich an wie ein Konglomerat des besten, was Film zu bieten hat, er könnte transzendentes Kino in seiner pursten Form sein, aber letzten Endes bleibt er Flickwerk, das mehr verspricht, als es halten kann.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/upstream-color