Heute bin ich blond

Der beeindruckende Lebensmut einer jungen Krebspatientin

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Marc Rothemund verfilmt den gleichnamigen autobiografischen Roman der Niederländerin Sophie van der Stap, der auch in Deutschland ein Bestseller wurde. Sein humorvoller, leichter Ton bestimmt auch im Film die Sicht auf das bedrückende Thema. Die Qual der Chemotherapie wird mit dem Gefallen, den Sophie an ihren schicken Perücken findet, kontrastiert, der Klinikalltag mit Ausflügen ins rauschende Nachtleben. Die Verknüpfung der so unvereinbar scheinenden Gegensätze bahnt einen Weg nach vorne, versucht zu bewältigen. Die positive Einstellung der jungen Patientin, die gerne auch über sich selbst lacht, erlaubt es ihr erst, die kruden Schrecken der Krankheit zu durchmessen. Einer von ihnen liegt in der ständigen Ungewissheit, ob die Behandlung anschlägt.

Im Film wohnt Sophie in Hamburg bei ihren Eltern und freut sich schon auf die erste eigene Wohnung, die sie in Kürze mit ihrer Freundin Annabel (Karoline Teska) beziehen will. Die Politikstudentin geht wegen anhaltenden Hustens zum Arzt und bekommt bald darauf in dürren Worten die Krebsdiagnose. Rothemund verdeutlicht die Wirkung der sachlich-kühlen Erklärung von Doktor Leonhard (Alexander Held) mit Unregelmäßigkeiten in Bild und Ton. Auf der Chemotherapie-Station des Uniklinikums empfängt die Schwester Sophie mit den Worten, dass der Haarausfall nach ungefähr drei Wochen beginne und die Haare bitte nicht in die Toilette geworfen werden sollten. Sophie wirft einen Blick auf ihre lange brünette Mähne im Spiegel, in dem die Erkenntnis liegt, dass der Krebs auch die Psyche versehrt.

Aber Sophie ist keine Figur, die mitleidig betrachtet werden soll, sie nimmt das Publikum als Akteurin mit auf ihren subjektiven, dynamischen Weg. Ihren kahlen Kopf schützt sie mit verschiedenen schicken Perücken, die ihr ein Spiel mit verschiedenen Identitäten ermöglichen. Die dunkelhaarige Lydia verdreht einem Unidozenten (Sebastian Bezzel) den Kopf, die Blondine tanzt ausgelassen in der Disko, wenn sie mal die Station verlassen darf. Mit einer rothaarigen Perücke verwandelt sich Sophie in die aggressive, unerschrockene Sue. Die geht zu den besonders gefürchteten Röntgenuntersuchungen, die Aufschluss über Sophies Schicksal geben werden. Sophie bloggt im Krankenhaus über das Wechselbad ihrer Gefühle und bekommt ein Angebot von einer Zeitschrift: Ihr Umgang mit der Krankheit eröffnet ihr den Weg zur Schriftstellerei.

In ihrer ersten Hauptrolle drückt Lisa Tomaschewsky kongenial die Verletzlichkeit und die jugendliche Intensität des Erlebens aus, die von der Buchfigur ausgeht. Man sieht, wie sie kämpft, wie sie ihre Verwundung einzugliedern versucht in einen altersgemäß hochfliegenden und noch diffusen Lebensplan. Weil Licht und Schatten in dieser Geschichte zusammengehören, sitzt die Genesende später einmal weinend am Sterbebett ihrer tapferen Klinikfreundin Chantal (Jasmin Gerat). Rothemunds Film gelingt es, die Kraft der Geschichte unverfälscht auszustrahlen. Auch die Musik verzichtet darauf, den Zuschauer emotional zu belasten – das oft zu hörende Klaviergeklimper klingt beiläufig und spendet beinahe unmerklich sanften Trost.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/heute-bin-ich-blond