First Position

Traumtänzer

Eine Filmkritik von Lida Bach

"Lächeln, lächeln! Immer lächeln!", ermahnt die Mutter der Finalistin Miko ihre 12-jährige Tochter. Diese Regel hat die Regisseurin, die selbst bis zu ihrem 14. Lebensjahr Ballett tanzte, scheinbar derart verinnerlicht, dass sie sich in ihrem Kinodebüt nicht davon lösen kann. Wenige Menschen wüssten, welchen Preis der Körper an das Ballett zahlt, meint Kargman. Daran, dass es mehr werden, ist ihr offenbar kaum gelegen. "Sie sah einfach glücklich aus“, schwärmt die 14-jährige Michaela vom Bild einer Ballerina, das sie als Kind sah. Damals lebte sie in Sierra Leone im Waisenheim, von wo sie ihre Adoptiveltern in die USA holten. Die Rettung des verschüchterten kleinen Mädchens auf den alten Fotos und ihr entschlossenes Streben nach dem Kindheitsideal sind wie geschaffen für die Art sentimentaler Real-Life-Stories, die Kargman viel lieber erzählen will, als die von frustrierender Aussortierung unter aspirierenden Profitänzern. Was das Harmoniebild stört, wie Michaelas traumatische Erinnerungen an die Kriegsgräuel, ertränkt der überemotionale Soundtrack. Er übertönt die musikalischen Themen, zu denen die Teilnehmer des Youth American Grand Prix irritierend erwachsene Variationen tanzen und wird zur aufdringlichen Metapher des einschmeichelnden Kitschfaktors, der die harscheren Filmthemen verdrängt.

Klischees wolle sie "aufsprengen", behauptet die Regisseurin: "denn nicht alle dünnen Ballerinen sind magersüchtig, nicht alle männlichen Balletttänzer sind schwul und nicht alle Bühnenmütter sind wahnsinnig." Wer davon tatsächlich ausging, könnte aus First Position spärlichen intellektuellen Gewinn ziehen. Den Übrigen bleibt ein schematischer Doku-Essay, der Stereotypen, wo immer er sie trifft, wegschiebt oder schönfärbt. Die Überambitionen von Mikos Mutter sind schlimmstenfalls ulkig. Wenn andere Eltern die enormen Ausgaben und Anstrengungen für die Ballettausbildung vor ihren Kinder auflisten, in einem Atemzug mit der Hoffnung, dass sich das Ganze "auszahle", gilt dies als Fürsorge. Der Erfolgsdruck, der durch die hohe Erwartungshaltung auf den Kandidaten lastet, wird geflissentlich verklärt. Jährlich biete der zu den größten Ballett-Wettbewerben der Welt zählende Youth American Grand Prix mit Stipendien im Wert von 250.000 Dollar, Auszeichnungen und Verträge mit den international renommiertesten Kompanien "eine einzigartige Chance für junge, begeisterte Tänzer ihren Traum zu leben". Zumindest den wenigen der 5.000 Kandidaten, die gewinnen.

Die 0,1 Prozent aus First Position gehören dazu. Manchmal ist das Leben wie die Mini-Playback-Show, an die der filmische Fauxpas in seinen ungelenksten Momenten erinnert: "Alle waren Sieger, auch wenn einer nur gewinnen kann." Wer das auf dem stagnierenden Gebiet des Profitanzes einmal sein wird, bleibt unklar, doch interessiert ohnehin kaum. Dank des gesicherten finanziellen Status, der indirekt als erste und für viele Begabte unüberwindliche Hürde zur Tanzkarriere hervorsticht, erscheint die Zukunft aller Protagonisten in strahlendem Licht. Dass es nicht immer Rampenlicht ist, tragen sie sicher mit der Ausgeglichenheit, die eine Trainerin lobt: "Sie ging sehr reif damit um. Sie schnitt sich nicht hinter der Bühne die Pulsadern auf."

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/first-position