Berlin Telegram

Katastrophe im Kleinen

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Leila (Albayaty) – ein junges Singer-Songwriter-Talent – wird von ihrem Freund verlassen. Sie reist daraufhin von Brüssel nach Berlin. In der Stadt, in der jeder "eigentlich" ein Schauspieler, Musiker oder Produzent ist, kommt es zu Begegnungen, sowohl mit alten Freunden als auch mit Fremden – mit Künstlern und Driftern. Diverse Männer kreisen im Laufe der Zeit um Leila; doch dies ist keine Liebesgeschichte: Hier geht es nicht um das Finden einer neuen Liebe – sondern um die allmähliche Heilung einer Wunde. Dazu begibt sich die Protagonistin auch zu ihrem Vater nach Kairo.

Wie peinigend es sich anfühlen kann, von einem geliebten Menschen verlassen zu werden, wurde wohl nie prägnanter in künstlerische Form gebracht als im Cher-Song "Bang Bang (My Baby Shot Me Down)". Albayaty liefert in Berlin Telegram zwei wunderschöne Interpretationen dieses Liedes; darüber hinaus weiß sie als Regisseurin klug mit dem Trennungsthema umzugehen. Der Beginn ist eher konventionell – Leila kramt in den Erinnerungen der verloren gegangenen Liebe, weint bittere Mascara-Tränen und verwüstet ihre Wohnung. Die stärksten und eindringlichsten Momente des Films finden sich in den Berlin-Passagen: Leilas Off-Kommentar, der sich immer wieder mit dem "Warum" der Trennung befasst, und die atmosphärischen (Handkamera-)Aufnahmen der ziellosen Frau demonstrieren, dass der Genesungsprozess ein langsamer ist – und dass sich daher eine zusammenfassende Montagesequenz, in welcher das Unglücklich-Sein in wenigen Stationen effizient abgearbeitet werden kann, tunlichst verbietet. Zu leiden heißt oft, sich im Kreise zu drehen und sich völlig in der "Ursachenforschung" zu verlieren.

Ein interessanter Einfall des Drehbuchs von Leila Albayaty und Marylise Dumont ist, dass die Hauptfigur ihre Erlebnisse nach dem unerwarteten Beziehungsende aufzuzeichnen beginnt – um ihren Ex-Lover vielleicht irgendwann mit den Bildern ihres neuen (und natürlich besseren) Lebens konfrontieren zu können. Berlin Telegram zeigt auf, dass uns Enttäuschung und tiefe Betrübnis nicht selten zu einem äußerst unreifen Verhalten und einer unnötigen Marter verleiten; und genau deshalb ist dies ein überaus einnehmender, wahrhaftiger Film.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/berlin-telegram