Die Tribute von Panem - Catching Fire

Nach den Spielen ist vor den Spielen

Eine Filmkritik von Björn Helbig

Katniss (Jennifer Lawrence) und Peeta (Josh Hutcherson) haben das Capitol ausgetrickst und beide haben die Hungerspiele überlebt. Doch damit ist die Gefahr nicht gebannt. Präsident Snow (Donald Sutherland) beobachtet die beiden argwöhnisch. Katniss wird unterdessen immer mehr zum Symbol für den Widerstand. Aus diesem Grund entschließen sich Snow und sein oberster Spielemacher Plutarch Heavensbee (Philip Seymour Hoffman) für das anstehende Jubiläum, die 75. Hungerspiele, die noch lebenden Gewinner der vergangenen Spiele zusammen in die Arena zu schicken.

Gary Ross hat mit Die Tribute von Panem – The Hunger Games einen starken Aufschlag gemacht. Man durfte gespannt sein, wie Francis Lawrence (I Am Legend), den es nach einigem Hin und Her auf den Regiestuhl verschlagen hatte, das Spiel fortsetzen würde. Die Handlung, die in den Distrikten beginnt und sich später abermals in der Arena fortsetzt, wirkt ein wenig wie eine Variation des ersten Teils – was sie vom reinen her Ablauf auch ist. Ein Gefühl von Wiederholung kommt dank des hervorragenden Drehbuchs von Simon Beaufoy (Slumdog Millionär) und Michael Arndt (Little Miss Sunshine) trotzdem nicht auf. Mehr noch als die Romanvorlage schaffen es Lawrence und die beiden Autoren einerseits die Geschichte auf sehr spannende und emotionale Weise weiterzuerzählen und andererseits pointiert die Beziehung der Figuren herauszuarbeiten. (Da stört es kaum, dass der Score von James Newton Howard und damit auch mancher Moment mal knapp an der Kitschgrenze vorbeischrammt.)

Die Tribute von Panem - Catching Fire ist allerdings mehr als eine werksenible Umsetzung des Romans, hier bieten die Bilder einen echten Mehrwert: Es ist spannend zu beobachten, wie es Lawrence gelingt, den Zuschauern die widerspruchsreiche, fast schon dichotome Welt Panems näher zu bringen – eine Welt, in der unglaubliche Armut und widerwärtiger Reichtum genauso nah beieinanderliegen wie selbstlose Liebe und lähmendes Grauen, in der Spielmacher mit Leben und Tod zocken und Friedenswächter in weißen Westen wehrlose Menschen niederprügeln. Diese Kontraste ziehen sich als künstlerisches Prinzip durch die Bilderwelt des Films und lassen keinen Moment Zweifel daran, dass hinter den schönen Gesichtern der Protagonisten unendliches Leid schlummert. Besonders deutlich wird die Perversität der Panem’schen Diktatur im Kontrollmechanismus der Hungerspiele, durch welche die bis über die Kotzgrenze hinaus vollgefressene Stadtbevölkerung ruhiggestellt und der vor sich hin vegetierende Rest eingeschüchtert wird. Panem et circenses – das hat im alten Rom funktioniert, das funktioniert heute und morgen. Demütigung ist das Prinzip der im Film gezeigten Welt in der den Armen ihre Würde genommen wird, weil sie sich nicht wehren können, den Reichen, weil sie es nicht wollen.

Dass Oscar-Preisträgerin Jennifer Lawrence die perfekte Besetzung für die Hauptfigur Katniss ist, konnte sie schon im letzten Teil beweisen. In der Fortsetzung gelingt es ihr, dem persönlichen Drama ihrer zum Kampf und Liebe gezwungenen Figur mit dezenten Mitteln noch weitere Facetten zu geben. Für die restliche Besetzung kann man ebenfalls nur lobende Worte finden: Josh Hutcherson, Liam Hemsworth und Woody Harrelson bauen durch nuanciertes Spiel die komplexe Beziehung ihrer Figuren zur Protagonistin weiter aus. Das gilt insbesondere auch für Donald Sutherland, der als eiskalter Präsident Snow in jeder seiner Szenen für eine Gänsehaut sorgt. Und auch die neuen Darsteller sind sehr gut gecastet: Sam Claflin bereichert die Gruppe der Gladiatoren mit seiner Figur, dem Schönling Finneck, um einen schwer zu durchschauenden Charakter; und Philip Seymour Hoffman hat als durchtriebener Spielmacher eine ähnliche Leinwandpräsenz wie Sutherland.

Wen Die Tribute von Panem nicht schockiert, weil er sich nicht vorstellen kann, dass hier eine mögliche Zukunft gezeigt wird, fröstelt hoffentlich zumindest ein wenig, wenn er sich bewusst macht, dass die Geschichte um die Hungerspiele Spuren von Vergangenheit enthält, die auch in der Jetztzeit noch auffindbar sind. Der Fingerzeig Richtung Reality-Formaten erübrigt sich beinahe schon, so offensichtlich sind die Parallelen. In dieser Blockbuster-Saison ist Die Tribute von Panem - Catching Fire jedenfalls der mitreißendste und relevanteste Film. Der in zwei Teile aufgesplittete letzte Akt (Flammender Zorn) bleibt noch abzuwarten. Dann wird sich herausstellen, ob Die Tribute von Panem das Zeug zum Klassiker hat. Der zweite Teil deutet jedenfalls schon mal daraufhin.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/die-tribute-von-panem-catching-fire