Sein letztes Rennen

Laufschuhe geschnürt und auf geht's

Eine Filmkritik von Melanie Hoffmann

Palim Palim? Nein! Weit gefehlt. Dieter Hallervorden wird in hohem Alter "erwachsen" und will über seine Karriere als Blödelkomiker hinauswachsen. Und eine ganz großartige Altersrolle fand er in diesem Film.
Paul Averhoff (Dieter Hallervorden) und seine Frau Margot (Tatja Seibt) leben ein liebevolles Eheleben und sind ein gutes Team. Eigentlich. Denn Margot hat in letzter Zeit immer wieder Schwächeanfälle, stürzt, verliert kurz das Bewusstsein. Tochter Birgit (Heike Makatsch) ist Stewardess und kann nicht immer wieder Urlaub nehmen, um nach einer verletzten Mutter im Krankenhaus zu sehen. Also scheint der einzig vernünftige Weg, dass die beiden alten Leute ins Altersheim ziehen. Doch da fühlen sie sich erst so richtig alt.

Von wegen da wird alles besser. Zwischen Singkreis und Bastelstunden findet sich Margot ja noch einigermaßen zurecht, Paul kann das aber nicht als sinnvolle Beschäftigung für sich akzeptieren. Das kann es nicht gewesen sein! Also packt der ehemalige Langstreckenläufer und Olympiasieger im Marathon von Sidney 1958 seine ollen Laufschuhe wieder aus und joggt frohen Mutes durch den Park des Altenheims. Weder die Pfleger noch die anderen Heimbewohner können damit so recht umgehen. Nach kurzer Verunsicherung macht sich statt Anerkennung eher Spott breit. Und als Paul auch noch verkündet, er trainiere für den Berlin-Marathon, halten die anderen ihn endgültig für übergeschnappt.

Dieter Hallervorden glänzt in der Rolle des Sportlers, der noch nicht zum ganz alten Eisen gehören will. Zwar setzt er sich als Paul auch ein bisschen dem Spott aus, doch hat seine Rolle das höhere Ziel, zu beschreiben, dass Senioren noch Ziele im Leben haben und diese auch erreichen dürfen. Missstände in Altenheimen aufzuzeigen geschieht en passant, auch der Missstand, wie einige erwachsene Kinder mit den lästig werdenden Eltern umgehen. Dabei macht es Spaß die anderen Heimbewohner zu beobachten, die alle etwas überzogen, etwas karikativ angelegt sind. So hat Paul die Ernsthaftigkeit umso mehr auf seiner Seite. Die traurigen, schicksalsgebeutelten Figuren sind die beiden Frauen in Pauls Leben: Seine Frau Margot, mit viel Liebe verkörpert von Tatja Seibt und seine Tochter Birgit, gespielt von Heike Makatsch, die eine große innere Zerrissenheit auf die Leinwand bringt. Die Gegenspieler sind die Herrschaften der Heimleitung, doch auch hier findet keine reine Schwarz-Weiß-Malerei statt. Der junge Pfleger Tobias, gespielt von Frederick Lau, kann sich in die Situation seiner Schützlinge hineinversetzen und nimmt daher auch gerne mal deren Partei ein.

Regisseur Kilian Riedhof (Grimme-Preis für Homevideo) ist mit seinem Kinodebüt ein toller Film über die Liebe, das Alter und Vertrauen gelungen. Die Gratwanderung zwischen Humor und Ernsthaftigkeit wird von Drehbuch und Team wunderbar bewältigt. Dieter Hallervorden als Sturkopf hat die Sympathien absolut und von Anfang bis Ende auf seiner Seite. Und er zeigt auch den jüngeren, wie leicht man aus dem Fahrwasser der Erwartungen anderer herauskommen kann. Einfach nur die Laufschuhe angezogen und ab ins Kino.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/sein-letztes-rennen