Gravity

Die Evolution des Eventkinos

Eine Filmkritik von Gregor Torinus

Gravity beginnt damit, dass ein Team von fünf Astronauten auf Außenmission am "Hubble" arbeitet, um das Weltraumteleskop auf den neuesten Stand zu bringen. Plötzlich werden sie von einem Hagel von Schrottteilen eines verunglückten russischen Satelliten überrascht. Danach sind ihr Raumschiff und drei der Weltraumarbeiter komplett zersiebt. Übrig geblieben sind nur der alte Knochen Matt Kowalski (George Clooney) und die Weltraumnovizin Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock). Für die beiden beginnt ein nackter Kampf ums Überleben in der Form des Versuchs einer Rückkehr zur Erde, einer Heimkehr in das heimelige Reich der Gravitation, einer Flucht aus der existentiellen Einsamkeit und der todbringenden Kälte des Alls.

Alfred Hitchcock gilt nicht nur als der "Master of Suspense", sondern ganz allgemein als einer der größten Virtuosen der Filmgeschichte, was die Manipulation des Kinopublikums betrifft. Hitchcock wusste genau, wann er was tun musste, um die Zuschauer zum Lachen oder zum Schreien zu bringen. Von ihm ist auch der Ausspruch überliefert, dass man in Zukunft den Menschen nur noch Elektroden an den Kopf setzen wird, um jede beliebige Gefühlsregung zu evozieren. Ganz so weit sind wir noch nicht, jedenfalls was die kommerzielle Verwertung solcher Techniken betrifft. Aber Gravity ist der bisher radikalste Schritt in die Richtung eines vollkommenen Verschmelzens des Zuschauers mit der filmischen Realität. Dies ist auch die bisher wohl radikalste Verwirklichung einer schier uneingeschränkten Manipulation eines Massenpublikums, wie sie Guy Debord bereits 1967 in La societé du spectacle (Die Gesellschaft des Spektakels) beschrieben hatte.

Das war interessanterweise genau ein Jahr vor dem Erscheinen von Stanley Kubricks Referenzwerk 2001 – Odyssee im Weltraum (1968), an das Alfonso Cuarón mit Gravity fast ein halbes Jahrhundert später direkt anschließt. Einer der visuellen Höhepunkte beider Filme besteht in einem Weltraumballett von großer Poesie und großer Schönheit. Doch während sich bei Kubrick die Raumschiffe äußerst gemächlich und würdevoll zu klassischer Musik bewegen, wird in Gravity die Kamera und somit der Zuschauer in den Tanz miteinbezogen. Die Kameralinse wirbelt äußerst dynamisch durch das Vakuum des Alls und zeigt einzelne Astronauten erst als in der Unendlichkeit verlorene Pünktchen und zoomt sich dann gleich zu extremen Nahaufnahmen heran.

Die in Echtzeit in 90 Minuten ablaufende Handlung ist allerdings nicht wirklich der Rede wert. Alle sich im zunehmenden Maße wiederholenden Ereignisse dienen alleine der Schaffung eines Maximums an visuellen und emotionalen Sensationen. Erfreulicherweise verlagern sich diese Grenzerfahrungen zunehmend vom Körperlichen ins Psychische. An die Stelle von Materialhagel, Abdriften und Aufprallen treten Todesangst, Traumata und Ich-Störungen. Immer mehr konzentriert sich das Geschehen auf die von Sandra Bullock in einer oscarreifen Leistung verkörperten Protagonistin. Der Zuschauer kann Dr. Ryan Stones Empfinden so intensiv miterleben, wie dies noch nie zuvor im Kino möglich war.

Dies alles kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Gravity im Gegensatz zu Stanley Kubricks 2001 oder Andrei Tarkowskis Solaris (1972) jeder tiefere philosophische Gehalt komplett abgeht. Bezeichnenderweise spielte der in Gravity nur noch als Witzfigur dienende George Clooney bereits in Steven Soderberghs unsäglich verflachtem Remake von Solaris die männliche Hauptrolle. Aber das Ziel des Eventkinos besteht auch nicht darin den Betrachter eine kritische Distanz wahren zu lassen, damit dieser sich seine eigenen Gedanken zum Geschehen machen kann. Ziel ist ganz im Gegenteil die vollkommene Überwältigung des Verstandes um vom Gezeigten komplett emotional erfasst und mitgerissen zu werden. Genau dies gelingt Gravity in Perfektion.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/gravity