Oben ist es still

Schweigen ist Silber, Verzichten ist Gold

Eine Filmkritik von Patrick Thülig

Der 50-jährige Bauer Helmer (Jeroen Willems) lebt zusammen mit seinem 80-jährigen Vater auf einem Bauernhof in Zeeland. Nachdem sein Zwillingsbruder vor kurzem gestorben ist, befindet sich Helmer in einer ausgewachsenen Sinnkrise, er spürt das Altern (das eigene und jenes des Vaters) und sieht sich mit seiner zunehmenden Einsamkeit konfrontiert. Dann beschließt er, seinen Vater „zum Sterben“ in die obere Etage zu verlegen, um unten zu renovieren und einen weiteren Start in eine neue Zukunft zu wagen. Der Milchfahrer, der dem Hof fast täglich einen Besuch abstattet, könnte in diesem neuen Lebensabschnitt eine größere Rolle spielen. Aber auch der Knecht Henk (Martijn Lakemeier), der sich in seiner jugendlich unbekümmerten Art sehr zu ihm hingezogen fühlt, stellt Helmer vor neue Konflikte.

Boven is het stil ist der Debüt-Roman des niederländischen Schriftstellers Gerbrand Bakker. Nanouk Leopold adaptierte den Roman selbst für ihren Film. Auch in diesem Film arbeitet sie wie bereits bei Brownian Movement mit dem Kameramann Frank van den Eeden zusammen. Die Bilder, die sie erzeugen, sind zumeist sehr unterkühlt, doch dieses Mal arbeiten sie nicht wie noch beim vorherigen Film mit einer überwiegend statischen Kamera, sondern verwenden überwiegend eine mobilere Handkamera, die das bewegungsarme Leben der Bauern wirkungsvoll kontrastiert. In den Außeneinstellungen, im Zusammenspiel mit den Tieren und der alltäglichen Arbeit auf dem Bauernhof entstehen fast melancholische durchkomponierte Bilder. Und in den kammerspielartigen Inneneinstellungen bringt die Kamera die Charaktere selbst mit Nahaufnahmen oder Stillleben zum reden. Die tiefen Furchen und die vom Alter gezeichneten Gesichter der Vater und Sohn Konstellation sprechen dort meist für sich, wirklich aussagekräftige Dialoge finden zwischen den beiden nicht statt. Bilder sagen hier wirklich mehr als tausend Worte.

Nur in der Interaktion mit dem Milchfahrer fallen mehr Worte, die aber von Helmer schnell zurückgewiesen, gar vermieden werden. Nach anfänglicher Skepsis, dass diese beiden Charaktere nicht zusammenpassen, wird einem bald klar, dass dort viel mehr dahintersteckt. Gerade solch schwierige Situationen werden im Film nicht durchexerziert, sondern vielmehr gestreift. Stets bleibt man in einem gewissen Abstand zu den Figuren, der den Zuschauer jedoch auf eine bedächtige Weise viel näher heranbringt, als die eigentliche Ausformulierung solcher Probleme. Ähnliches gilt bei der Beziehung zwischen Helmer und Henk, die beide andere Erwartungen an die gegenseitige Beziehung haben als der jeweils andere. Auch hier wird nicht darüber gestritten oder überhaupt geredet, es sind vielmehr vor allem die Gesichter und die kleinen Gesten der beiden Figuren, die etwas darüber verraten, was in ihrem Innersten vor sich geht.

Getragen wird der Film vor allem von Jeroen Willems, der kurz nach dem Dreh überraschend an einem Schlaganfall verstorben ist. Immerhin ist es ein klein wenig tröstlich, dass er noch solch einen starken Film mit einer nicht minder starken Performance hinterlassen hat. Wenn dieser Schrank von einem Mann in von Gefühlen entblößten Einstellungen zu sehen ist (beispielsweise in einem Schattenspiel nackt vor dem Spiegel), ist das ganz großes Kino. Jeroen Willems war eine hervorragende Besetzung für eine Rolle, die wenig spricht und von der gerade deswegen mimisch und gestisch umso mehr kommen muss.

Oben ist es still ist auf den ersten Blick ein vermeintlich kleiner Film, in dem aber ganz großes Kino steckt. Ohne viel Worte zeigt er uns ein schweigsames Bauernleben, beobachtet ruhig und überlegt, nähert sich der Szenerie und den Charakteren behutsam an und verzichtet auf jede Wertung des Gezeigten. Und gerade das macht ihn zu einem überaus sehenswerten Werk.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/oben-ist-es-still