Zurück nach Dalarna!

Zurück nach Dalarna!

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Familienbande zwischen Lachen und Weinen

Wer in städtischen Gefilden fern seiner ländlichen Ursprungsfamilie lebt, wird die zwiespältigen Gefühle kennen, wenn er sich nach langen Jahren auf den Weg macht, um seine Anverwandten anlässlich eines runden Geburtstags des Vaters wiederzusehen. Eine solche Heimkehr zwischen Vertrautheit und Fremdheit, Rührung und Abscheu sowie Tragik und Komik inszeniert die schwedische Regisseurin Maria Blom in Zurück nach Dalarna! mit dem Wunsch: „Mein Traum ist es, dass die Leute, kaum dass sie das Kino verlassen haben, ihre Liebsten anrufen und ihnen sagen: Ich mag dich!“
Mia (Sofia Helin) ist Mitte dreißig und lebt in Stockholm das Leben einer allein stehenden Karrierefrau. Ihre Heimat, ein Dorf in der ländlichen Provinz Dalarna, hat sie bereits vor 15 Jahren aufatmend hinter sich gelassen, doch nun kommt sie nicht umhin, zum 70. Geburtstag ihres Vaters dorthin zurückzukehren. Kaum angekommen sieht sich Mia in dieselben familiären Strukturen verstrickt, die sie einst hinter sich ließ, und statt einer gemütlichen Geburtstagsfeier plant ihre Schwester Eivor (Kajsa Ernst) ein großes Fest im Gemeindesaal des Dorfes, das seine unruhigen Schatten bereits vorauswirft.

Als jüngste von drei exzentrischen Schwestern und zudem als einzige, die das Dorf verließ, hat Mia eine Sonderrolle innerhalb der Familie, zumal sie die erklärte Lieblingstochter ihres Vaters ist. Gleich bei ihrer Ankunft überraschen ihre Eltern sie mit der Absicht, ihr ein Stück Bauland am See zu schenken, in der Hoffnung, ihre Kleine dann häufiger zu Besuch zu haben, was rasch alte Eifersüchteleien und Zwistigkeiten unter den Schwestern ausbrechen lässt. Besonders Eivor, die Älteste, die sich angesichts ihrer erfolgreichen Schwester um die Anerkennung ihres Lebenskonzepts als Hausfrau und Mutter betrogen sieht, ist bemüht, als tyrannische Organisatorin des Festes die Herrschaft über die Familie und besonders ihre Schwestern an sich zu reißen. Gunilla (Ann Petrén), die mittlere Schwester hingegen, die gerade ihre Scheidung mit einem Urlaub auf Bali gefeiert hat, ist ganz in ihre Schwärmereien von einem jüngeren Liebhaber versunken, mit denen sie zusätzlich die Nerven der soliden Frauen im Umfeld der Familie strapaziert.

Mias Vorsatz, dem Ort und den Menschen ihrer Herkunft und Kindheit mit distanzierter Arroganz zu begegnen, schwindet angesichts der Wucht der Begegnungen und Emotionen rasch dahin. Genau wie ihre Schwestern verfällt sie denselben Mechanismen, von denen sie sich längst erlöst geglaubt hatte, und ihr wird bewusst, dass ihr genau das, was sie an Dalarna immer verflucht hatte, wie der derbe, häufig verletzende Humor der Leute, dennoch gefehlt hatte. Als sie sich bei ihrer mütterlichen Freundin Barbro (Barbro Enberg) ausweint, wird deutlich, dass auch ihr Leben in Stockholm keineswegs so glücklich ist, wie es scheint.

Auf dem Fest bei reichlich Schnaps schließlich explodieren die mühsam bezähmten Gefühle vor allem der drei Schwestern, und es eskaliert zu einer Bühne der Abrechnung vor feierlich gekleidetem Publikum, auf der alle hemmungslos das ans Licht bringen, was in ihrem Inneren seit Jahren hitzig vor sich hin brodelte. Doch gleichzeitig zeigt sich, wie wichtig die familiären Bindungen nach wie vor sind und dass die Streitereien letztlich von dem Wunsch motiviert sind, als die Person anerkannt zu werden, die man nun einmal ist.

Drängt sich auch unweigerlich der Gedanke an Das Fest von Thomas Vinterberg auf, so ist Zurück nach Dalarna! doch ein Film völlig anderer Art. Die Regisseurin Maria Blom, die auch das Drehbuch schrieb, setzt den Akzent trotz einiger Bissigkeit und bewegender Tragik auf humorvolle Versöhnlichkeit, immer orientiert an dem Gedanken des unschätzbaren Wertes der Familie, so verletzend und nervenaufreibend diese auch bei Zeiten sein mag. Darüber hinaus porträtiert sie liebevoll spöttisch die ländliche Gesellschaft der Provinz Dalarna, aus der sie selbst stammt und in die es sie nach langen Jahren in Stockholm auch wieder zurückgezogen hat, so dass ihre Protagonistin Mia durchaus Parallelen zu ihren eigenen Empfindungen aufweist. Maria Blom, die ursprünglich Friseurin werden wollte, hat eher aus der Verlegenheit des Scheiterns bei der Aufnahmeprüfung heraus Schauspielkurse besucht und später mit selbst verfassten Stücken am Stockholmer Backstage-Theater beachtliche Erfolge gefeiert. Nach einer Fernsehproduktion ist Zurück nach Dalarna! ihr erster Kinofilm, für den sie 2005 den Filmpreis für das beste Drehbuch und den besten Film in Schweden erhielt.

Kaum jemandem werden die Themen der turbulent inszenierten Abgründe und Höhenflüge des Familienlebens fremd sein, die in Zurück nach Dalarna! von einem großartigen Ensemble dargestellt werden, und allein schon deshalb werden sie sicherlich das Publikum berühren. Ob sich allerdings der Traum der Regisseurin erfüllen wird und der Film eine Welle der familiären Sympathiebekundungen hier zu Lande auslösen wird, bleibt abzuwarten. Ein sehenswertes, witziges Spektakel mit tragischen Elementen ist er allemal.

Zurück nach Dalarna!

Wer in städtischen Gefilden fern seiner ländlichen Ursprungsfamilie lebt, wird die zwiespältigen Gefühle kennen, wenn er sich nach langen Jahren auf den Weg macht, um seine Anverwandten anlässlich eines runden Geburtstags des Vaters wiederzusehen.
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Meinungen
@Daniela und Walter · 02.06.2006

Zurück nach Dalarna! erscheint als DVD am 2.10. bei goodmovies.

Daniela und Walter · 02.06.2006

Einer der wunderbarsten Filme, die wir in letzter Zeit gesehen haben. Lachen und Weinen so eng beieinander, eigentlich das "ganz normale Leben" in bitter-komischer Darstellung (übrigens hervorragend von den Darstellern und der Regie auf die Leinwand gezaubert). Gratulation!!Ein Film, den wir unbedingt noch einmal sehen wollen. Gibt es dazu eine DVD?

Petra · 22.02.2006

Ich war beeindruckt, begeistert. Der beste Film seit langem, v.a. weil wir ihn im schwedischen Original mit Untertiteln gesehen haben. Ich kann Martin in Bezug auf die Hollywood-Blockbuster nur zustimmen!
Ganz hervorragend auch Sofia Helin in der Rolle der Mia.
Ein Film, der nachdenklichmacht. Ein Film, über den man hinterher noch redet. Hingehen!

Martin · 18.02.2006

Der beste Film den ich seit langem gesehen habe. Diese Hollywood Blockbuster hängen mir echt zum Hals raus. Go Sverige!!!

Janine · 01.02.2006

Einer der schlechtesten Filme die ich jemals gesehen habe...tut euch einen Gefallen und lasst es sein *g*

Kommentare

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