Zum Abschied Mozart

Zum Abschied Mozart

Eine Filmkritik von Tomasz Kurianowicz

Hinaus aus der Schule, hinein ins Leben!

Dokumentationen, die genrebedingt einen gewissen Realitätsanspruch verfolgen, sollten mit größter Behutsamkeit beurteilt werden. Besonders wenn sie so persönlich sind, wie das Filmprojekt Zum Abschied Mozart von Christian Labhart. Der Regisseur begleitet eine Gruppe von Jugendlichen, die als letzte schulische Amtshandlung das Mozart Requiem KV 626 einstudieren, um es vor Eltern, Schülern und Lehrern abschließend zur Aufführung zu bringen. Trotz der löblichen Ambitionen muss sich auch eine Low-Budget-Doku mit besten Absichten die Frage gefallen lassen, was sie eigentlich ausdrücken will.

Labhart konzentriert sich in seinem Film auf drei Schüler der Schweizer Rudolf Steiner Schule, die sich mit viel Engagement am Chorprojekt des Musikpädagogen Thomas Gmelin beteiligen und abwechselnd über den bald vergangenen Schulalltag und das zukünftige Erwachsenenleben sinnieren. Stefan Geissmann ist einer der Schüler, der uns seine Sicht über das Requiem, über die Liebe und das kurze Glück eröffnet. Ergänzt wird er von der in Sri Lanka geborenen Wanja Gehr, die sich mit Schwerpunkten wie dem antikapitalistischen Kampf und der — nach ihrer Prognose — wahrscheinlich gewaltvoll eintretenden Revolution beschäftigt. Die dritte Protagonistin, Rebecca Schmidli, bemüht sich um leisere Töne und beschreibt ihr ambivalentes Verhältnis zu Eltern und Religion. Viel Spiritualität also, die Labhart bewusst in Beziehung setzt, um Mozarts Requiem mit malerischen Landschaftsaufnahmen zu inszenieren. Diese kurzen und gelungenen Einschübe beweisen die poetische Qualität des Films, zu der die wenig erkenntnisreichen Aussagen der Schweizer Abiturienten konturlos wirken. Labhart möchte die Entwicklung von Jugendlichen dokumentieren, die in zwei nur scheinbar sich negierenden Welten verkehren. Einmal die Partys, die pubertären Spannungen zwischen den Geschlechtern, Alkohol und Drogen; auf der anderen Seite das Mozart Requiem als Sinnbild für gutbürgerliche Ideologie, Werte einer vergangenen Zeit. Der Musikpädagoge Thomas Gmelin repräsentiert mit arbeitsmoralischer Strenge das Genre „Klassische Musik“ ohne Gutmütigkeit und Verständnis vermissen zu lassen. Die Schüler danken es ihm mit einer wachsenden Begeisterung für die Musik und philosophischen Ergüssen, die den Widerspruch zwischen Spiritualität und den Bedürfnissen einer jungen Schweizer Oberschicht auflösen.

Doch mit allzu harschen Mäkeleien ist niemandem geholfen, denn schnell ist die Schwelle der Kritik übersprungen hin zur menschlichen Diffamierung. Dabei zeugt es von Courage, wenn junge Schüler vor eine Kamera treten und ihr Innerstes zur Schau stellen. Insofern müssen die Aussagen als solche hingenommen werden wie Zeugnisse einer Realität, über die sich künstlerisch nicht werten lässt. Anders aber die Intention des Regisseurs. Labhart versucht einen Progress zu illustrieren, der im Abschlusskonzert seinen Höhepunkt findet und die Botschaft ans Ende stellt: Klassische Musik und Jugend ist kein Widerspruch! Dass die wohlhabenden Eliteschüler zu derartigem Kunstverständnis fähig sind, wollte doch gar niemand bezweifeln! Und darum bleibt die nicht unsinnige Frage bestehen, was an dem Projekt so spektakulär ist, dass es ins Kino gehört. Aber vielleicht soll der Film lediglich eine Hommage an den gewöhnlichen Schulalltag sein, an den sich jeder selbst samt krönendem Abschluss erinnern wird. Wenn Labhart diese Alltäglichkeit dokumentieren wollte, dann wird sein Projekt dem Anspruch gerecht.
 

Zum Abschied Mozart

Dokumentationen, die genrebedingt einen gewissen Realitätsanspruch verfolgen, sollten mit größter Behutsamkeit beurteilt werden. Besonders wenn sie so persönlich sind, wie das Filmprojekt Zum Abschied Mozart von Christian Labhart.

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