Zona sur

Zona sur

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Das Politische im Privaten

Bolivien ist ein kleines Filmland und produziert nur wenige Filme im Jahr. Besonders bekannt ist es für seine politischen Filme aus den 1960er Jahren, als der Film Ukamau von Jorge Sinjinés die indianische Bevölkerung zum filmischen Gegenstand machte und wegweisend für viele Filme des Neuen Lateinamerikanischen Films, aber auch spätere politische Filme wurde. Der neueste Film von Juan Carlos Valdivia, Zona Sur, verbindet das Politische auf subtile Weise mit einem eigenwilligen Spielfilmplot.
Zona Sur portraitiert eine Familie aus der bolivianischen Oberschicht, deren beste Tage gezählt sind. Carola lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren drei Kindern – Patricio, Bernarda und dem kleinen Andrés – sowie den beiden Hausangestellten Wilson und Marcelina in einer großen Villa im südlichen Bezirk (der zona sur) der Hauptstadt La Paz. Dort, wo das Leben ungestört ist vom Lärm und der Hektik einer Millionenstadt. In dieser Parallelwelt geht jeder seinen Träumen nach: Patricio verbringt mit seiner Freundin Carolina viel Zeit im Bett mit den ‚guten Leintüchern‘, Bernarda und Freundin Erika liegen nackt in den Blumenbeeten des Anwesens, und Nachzügler Andrés sitzt auf dem Dach, spricht mit seinem imaginären Spielkameraden Spielberg und träumt vom Fliegen.

Der Film ist von einer Langsamkeit geprägt, welche viele Filme aus Lateinamerika charakterisiert. In Zona Sur jedoch passt die Trägheit der Dramaturgie durchaus zum öden Einerlei des Oberschichtsalltags. Mutter und Kinder scheinen nicht wirklich etwas zu tun zu haben; der Haushalt wird von Wilson organisiert, Marcelina kümmert sich um den riesigen Garten. Für jedes Glas Wasser klingeln die Familienmitglieder nach Wilson, und als dieser sich ein freien Tag für die Beerdigung seines Sohnes erbittet, sagt Carola schlichtweg „Nein!“ – sie wäre überfordert damit, ein fertiges Gericht im Ofen zu erhitzen.

Unterstrichen wird die Monotonie des Dargestellten durch die langsamen Kameraschwenks. Die Kamera steht kaum still, ist immer in Bewegung und dreht sich häufig um sich selbst, um das Innere des geräumigen Hauses in Kamera-Umfahrten festzuhalten. Hierdurch entsteht eine räumliche Beengtheit, die eine beklemmende Wirkung erzielt und bildlich deutlich macht, wie die Familie langsam aber sicher von ihrem Umfeld umzingelt und immer weiter in die Enge wird.

Das Land befindet sich mit dem Aufstieg von Evo Morales zum Volkshelden im Umbruch: Morales wird der erste indigene Präsident des Landes und Lateinamerikas und hat viele Änderungen für das Land geplant, die sich für eine Familie in der zona sur nicht positiv auswirken. Im Gegenteil: Die Hausangestellten gewinnen an Selbstbewusstsein. Wilson wäscht sich in Carolas Badezimmer und benutzt ihre Seifen und Cremes und setzt sich schließlich über ihre Urlaubsverweigerung hinweg, um seinen Sohn bestatten zu können. Am Ende sitzen Wilson und Marcelina gar mit am familiären Mittagstisch und essen gemeinsam mit den einstigen Hausherren.

Der Wandel der Gesellschaft ist jedoch nicht nur einer von außen. Am kleinen Andrés wird deutlich, dass sich auch die ‚weiße‘ Gesellschaft von innen zu wandeln beginnt. Er will die pikanten Nudeln, ein traditionelles Gericht nach Wilsons Geheimrezept, nicht in einer – für weiße Gäste – entschärften Version, sondern so scharf, dass die Leute nicht sagen können, er sei einer von den Weißen. Andrés hilft in Küche und Garten mit und scheint überhaupt mehr Zeit mit Wilson und Marcelina als mit seiner Mutter oder seinen Geschwistern zu verbringen. Er symbolisiert die neue Generation, die nicht mehr zwischen der indigenen und dem Rest der Bevölkerung trennen will und offen ist für das Erbe der indigenen Völker.

Mit Zona Sur ist Valdivia ein spannender Spielfilm und gleichzeitig eine genau beobachtete Gesellschaftsstudie gelungen. Valdivia hat das Politische ins Private gelegt und macht dennoch genauso nachdenklich wie sein Vorgänger Sanjinés. Der Film, der 2010 auf der Berlinale im Programm Panorama gezeigt wurde, ist nun deutschlandweit auf der Filmtournee Cinespañol 2011/2012 zu sehen. Cinespañol zeigt außerdem die Filme Abel, Personal Belongings und El nido vacío.

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Bolivien ist ein kleines Filmland und produziert nur wenige Filme im Jahr. Besonders bekannt ist es für seine politischen Filme aus den 1960er Jahren, als der Film „Ukamau“ von Jorge Sinjinés die indianische Bevölkerung zum filmischen Gegenstand machte und wegweisend für viele Filme des Neuen Lateinamerikanischen Films, aber auch spätere politische Filme wurde. Der neueste Film von Juan Carlos Valdivia, „Zona Sur“, verbindet das Politische auf subtile Weise mit einem eigenwilligen Spielfilmplot.
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