Zombi Child (2019)

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Zwischen Haiti und Paris, zwischen dem Jahr 1962 und unserer Gegenwart hat Bertrand Bonello sein Zombie-Hybrid angesiedelt und will das Horror-Genre als postkoloniale Coming-of-Age-Geschichte neu erfinden.

Zombi Child (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Gleichzeitigkeit von Gegenwart und Vergangenheit

Leicht zu verstehen oder einfach zu konsumieren sind die Filme von Bertrand Bonello ja nie. Ähnlich wie sein französischer Kollege Bruno Dumont arbeitet auch er sich stets in an den Rand- und Schattenbereichen der Gesellschaft und Kultur ab, unterläuft Zuschauererwartungen und bürstet Formeln und Versatzstücke von scheinbar Bekanntem gegen den Strich. Insofern war man schon ein wenig gewarnt, als es hieß, Bonellos neues Werk nach dem grandiosen Nocturama sei ein Zombie-Film. Zwar spielen die Untoten hierin eine große Rolle, doch der Filmemacher interessiert sich eher für Zwischentöne, düster-dunkle Atmosphären voller hypnotischer Sogwirkung und kulturelle wie postkoloniale Implikationen der Zombies als für deren unmittelbare (Schock)Wirkung auf den Zuschauer.

Haiti im Jahre 1962: Nach der Gabe eines Pulvers stirbt Clairvius Narcisse (Mackenson Bijou) und wird beerdigt. Doch er ist keinesfalls tot, sondern vielmehr durch einen Voodoo-Zauber zu einem Sklaven geworden, der fortan in den Zuckerrohr-Plantagen der Insel Frondienste leisten muss. Ein realer Fall: Clairvius Narcisse existierte wirklich und erlitt genau das Schicksal, von dem Bonello erzählt. Es war bereits Gegenstand von Wes Cravens Film Die Schlange im Regenbogen (The Serpent and the Rainbow) aus dem Jahre 1988, der wiederum auf dem Buch des Ethnobotanikers Wade Davis beruht.

Doch Bonello belässt es nicht bei der Orientierung an einem realen Ereignis, sondern fügt noch eine zweite Zeit- und Erzählebene ein: Die spielt im Paris der Gegenwart und ist in einem französischen und katholischen Eliteinternat angesiedelt. Dort werden nur Schülerinnen aufgenommen, deren Vorfahren Träger höchster Auszeichnungen wie dem Orden der Ehrenlegion oder vergleichbarer Meriten waren. Die aus Haiti stammende Melissa (Wislanda Louimat) ist gerade neu hinzugekommen und versucht Anschluss an eine Clique von Mädchen zu finden, die sie schließlich zu einem Initiationsritus einlädt.

Vor allem Fanny (Louise Labèque) ist fasziniert von Melissa und ihrer Herkunft. Und als sich ihr Freund, den sie stets in schwärmerisch-fiebrigen Tagträumen imaginiert, per SMS von ihr trennt, sucht sie Melissas Tante Katy (Katiana Milfort) auf, die die Praktiken des Voodoo beherrscht, um so den Ex-Geliebten auf ewig an sich binden zu können.

Bis zum zugegebenermaßen beeindruckenden Finale führt Bonello die beiden Erzählstränge parallel und wechselt mit leichter Hand zwischen dem Haiti des Jahres 1962 und dem Paris der Gegenwart hin und her, ohne dass sich – abgesehen von Melissas Geschichten über Voodoo-Zauber und Zombie-Mythen – konkretere Verbindungen ergeben würden. Zugleich knüpft Bonello aber auch – vor allem durch die Einlassungen eines Lehrers der Mädchenklasse über den aus Haiti stammenden und in Frankreich im Exil lebenden Denker René Depestre, der Geschichte nicht als Abfolge von Ereignissen, sondern vor allem als Gleichzeitigkeit begreift – ein unsichtbares Band zwischen dem Damals und dem Heute, zwischen dem Dasein der zombifizierten Sklaven und dem heutigen Leben der französischen Eliten, zwischen der Kolonialgeschichte der Grande Nation, die einst auch Haiti beherrschte, und der Gegenwart junger Heranwachsender und der Wirkmächtigkeit von Mythen und Legenden sowie dem Erbe, das wir bewusst oder unbewusst in uns tragen.

Zombi Child fehlt die Stringenz und Struktur von Nocturama, der Film ist viel freier, assoziativer und verrätselter gebaut und spricht weniger den Kopf als vielmehr die Seele und deren dunkle Resonanzräume an. Der Film wirkt roh, eher wie eine Skizze denn wie ein fertiges Gemälde.

Zombi Child (2019)

Im Grenzbereich zwischen Ethnologie und Fantasy erzählt Bertrand Bonello in einer wilden Mixtur aus Vergangenheit und Gegenwart die Geschichte der Haitianerin Clairvius Narcisse, die zum Opfer eines Fluches wurde, das sie zu einem Zombie werden ließ.

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