Zerrissene Umarmungen

Zerrissene Umarmungen

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Eine Hommage ans Kino

Das ist die schlimmstmögliche Katastrophe: Ein Filmregisseur wird nach einem Unfall blind. Wie er es am Ende dennoch schafft, seinen Film fertig zu schneiden, zeigt uns das neue Werk von Pedro Almodóvar: eine Hommage an die Kraft der Fantasie, eine Eltern-Kinder-Geschichte voller Wärme und eine vielschichtige Reflexion über die Möglichkeiten des Kinos, unser Leben zu erweitern.
Mateo Blanco (Lluís Homar) genießt sein Leben in vollen Zügen – trotz des Unfalls vor 14 Jahren, bei dem er nicht nur das Augenlicht, sondern auch seine große Liebe Lena (Penélope Cruz) verlor. Der ehemalige Filmregisseur arbeitet nun als Drehbuchautor und hat die Katastrophe scheinbar dadurch verarbeitet, dass er einen anderen Namen angenommen hat. Für ihn ist die Person Mateo gestorben. Er nennt sich nun Harry Caine – ein Name, der ihm schon früher als Pseudonym diente, wenn er als Schriftsteller tätig war. Aber seit dem Unfall benutzt er ihn nicht als Pseudonym im eigentlichen Sinne, sondern als Name für den anderen Menschen, als den er sich empfindet. Das mag trauma-psychologisch höchst verständlich sein. Aber wie wir aus vielen Filmen Almodóvars wissen, ist es nicht wirklich sinnvoll, Leichen in den Keller des eigenen Lebens zu sperren. Die Untoten werden sich auch hier aufmachen und den Überlebenden heimsuchen. Übrigens sehr zu dessen Vorteil.

Ähnlich wie Almodóvars Volver – Zurückkehren und wie viele seiner Filme seit Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs (aus dem Jahr 1988) hat Zerrissene Umarmungen / Los abrazos rotos eine große melodramatische Kraft. Almodóvar verfügt über die Gabe, wie wenige andere die Schmerzen, aber auch den Heilungsprozess sichtbar zu machen, den die Aufgabe von lang gehegten Lebenslügen mit sich bringt. Aber in seinem aktuellen Film geht er darüber hinaus. Er webt in die Lebensgeschichte des Regisseurs Zitate aus eigenen Werken und aus der Kinogeschichte ein, er spielt mit dem Ineinandergleiten von realem Leben und Fiktion, er breitet dieselben Motive auf verschiedenen Ebenen aus und spiegelt sie wechselseitig. Das nimmt dem aktuellen Werk etwas von der gefühlsmäßigen Wucht, die in Volver zu spüren war. Aber es fügt ihm etwas Neues hinzu, das man von Almodóvar so nicht kannte: eine Eleganz der Reflexion, ein Spiel mit verschiedenen Wirklichkeiten, das bei aller Komplexität federleicht daherkommt.

Die Figur der Lena ist die perfekte Verkörperung dieses angenehmen Verwirrspiels: eine Frau mit vielen Gesichtern und Identitäten. Eine Sekretärin, die Schauspielerin wird, aber auch im wirklichen Leben in andere Rollen und Leben schlüpft. Aber auch eine Frau, die bei allen Verstellungen und Rollenwechseln, die ihr das Leben aufzwingt, nie das tiefe innere Gefühl dafür verliert, wer sie selbst ist. Penélope Cruz, die in Volver das kämpferische Muttertier gab, ist hier in ihrer vollen Wandlungsfähigkeit zu bewundern. Mal wird sie mit ihren Rehaugen wie Audrey Hepburn inszeniert, mal wie ein Vamp des Film Noir und dann wieder als existenzialistische Naturschönheit, die einem Antonioni-Film entsprungen sein könnte.

Es scheint nicht der Drang nach Gelehrsamkeit und Intellektualität zu sein, der Almodóvar bei seinen Anleihen aus der Filmgeschichte umtreibt. Eher scheint es um die Freude an den Möglichkeiten der Kunst als solcher zu gehen. „Ich wollte nicht nur ein Leben leben“, lässt Almodóvar sein Alter Ego, den Regisseur Mateo, sagen. Und dieses Privileg, sich in andere Figuren und Schicksale hineinzuversetzen, besitzen nicht nur die Kreativen. Auch wir Zuschauer können davon profitieren. „Filme muss man zu Ende drehen, auch blindlings“, sagt der Regisseur, der sich auch von der größtmöglichen Katastrophe nicht stoppen lässt. Recht hat er.

Zerrissene Umarmungen

Das ist die schlimmstmögliche Katastrophe: Ein Filmregisseur wird nach einem Unfall blind. Wie er es am Ende dennoch schafft, seinen Film fertig zu schneiden, zeigt uns das neue Werk von Pedro Almodóvar: eine Hommage an die Kraft der Fantasie, eine Eltern-Kinder-Geschichte voller Wärme und eine vielschichtige Reflexion über die Möglichkeiten des Kinos, unser Leben zu erweitern.
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Meinungen
moritz · 15.09.2009

ein sehr dicht erzählter, unter die haut gehender film, der zeigt mit welch einfachen mitteln man gute erzählungen auf die leinwand bringen kann. erzählerische leichtigkeit und emotionale tiefgründigkeit wechseln gekonnt einander ab. penelope cruz beweist einmal mehr, dass sie zu den besten schauspielerinnen der gegenwart zu zählen ist.

lalala · 13.08.2009

Ein Klasse-Film, der sich wohltuend von dem ganzen Schnulzen- und Action-Unfug abhebt, der sonst ständig im Kino läuft. Ein intellektueller, anspruchsvoller Film, der entsprechendes Aufnahmevermögen vorausetzt. Das haben diejenigen, die den Film hier als schlecht kommentieren, offensichtlich nicht, wie die völlig unqualifizierten Kommentare zeigen. Schaut Euch doch den Hollywood-Scheiß an oder Harry Potter Teil 27, das ist wahrscheinlich noch auf Eurem Niveau.

Sarah · 11.08.2009

Ich würde den Film empfehlen, allerdings reicht es aus, wenn man bis zur DVD Veröffentlichung wartet und ihn am TV ansieht. Einen Kinobesuch ist er nämlich nicht wert.

Mario-Kritiker · 09.08.2009

Triviale Geschichte, keine Charaktere, Nebenszenen führen ins Leere, künstlerische Mittel und Symbolik sprechen Zuschauer nicht an, manchmal sogar nerven.

Obby · 09.08.2009

Ein ungelungener Film!

Chicho · 09.08.2009

Einer der schönsten Filme die ich jemals gesehen habe!

Lilo · 09.08.2009

Durch die durchweg wohlwollenden Rezensionen war ich anfangs auf diesen Film sehr gespannt. Er hat mich jedoch in jeder Hinsicht enttäuscht. Das Werk ist mit unreflektierten Klischees gespickt, die Figuren kommen mit ihren Anliegen nicht richtig nah, selten einen so heißen Film gesehen, der mich so kalt ließ. Die einzig autenthische Szene zeigte wie sich die Hauptfigur Lena übergeben hat, der einzig nachvollziehbare Moment dieser sonst im modernen Leben unglaubwürdigen Story.

Kommentare

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