Zarte Parasiten

Zarte Parasiten

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Geld gegen Liebe

Ist das nicht wirklich eine Marktlücke: Einsamen Menschen ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken – gegen Geld? Zwei junge Menschen erproben dieses Geschäftsmodell. Sie stoßen auf Probleme, mit denen sie nicht im Traum gerechnet haben. Fast zwangsläufig führt ihre Blauäugigkeit in einen moralischen Abwärtssog. Und trotzdem geben sie nicht auf. Eine atmosphärisch dichte, wunderbar stimmig erzählte Mischung aus Thriller und Sozialstudie.
Am Anfang stand eine Zeitungsmeldung. Berichtet wurde von einer jungen Frau, die mit ihrem Freund ein halbes Jahr im Wald "wohnte". Die beiden wollten ein neues Lebensmodell umsetzen, das weniger die Liebe zur Natur in den Mittelpunkt stellte als die Sehnsucht nach kompromissloser Selbstbestimmung. Das Regisseursduo Christian Becker und Oliver Schwabe hat diese Idee aufgegriffen und daraus eine ebenso fantasievolle wie präzise Figurenkonstellation entwickelt.

Manu (Maja Schöne) und Jakob (Robert Stadlober) campieren in der Natur unter freiem Himmel, ein junges Paar in den Zwanzigern, verliebt und wie in einem langen Urlaub. Doch der Alltag der beiden ist alles andere als idyllisch. Notorische Geldnot bringt einen gehetzten Unterton die stolze Autarkie. Manu bekommt zwar ab und zu ein paar Euro von der alten Frau, die sie betreut. Doch Jakob ist gerade erst dabei, eine neue Beziehung zu knüpfen. Er sucht die Nähe von Claudia (Corinna Kirchhoff) und Martin (Sylvester Groth), einem gut situierten Ehepaar, das vor Kurzem den Sohn verloren hat. Wie das alles funktioniert und auf welcher Basis Zuneigung gegen Geld getauscht wird, das verrät der Film erst nach und nach. Und weil er gerade daraus seine Spannung bezieht, sollte vorab auch nicht allzu viel preisgegeben werden. Nur dies: Klar verabredet und für alle Beteiligten durchsichtig sind die "Geschäftsbeziehungen" nicht.

Man könnte meinen, die beiden Regisseure, die 2004 schon bei Egoshooter zusammengearbeitet haben, seien in ihrem früheren Leben Sozialarbeiter gewesen. So realistisch schildern sie die Verwicklungen der „Beziehungsarbeit“. Wie stark muss man sich mit seiner ganzen Person einbringen, um jemandem zu helfen? Wie glaubwürdig ist ein solches Engagement, wenn man es für Geld tut? Wo muss der berufsmäßige Helfer Grenzen setzen, um sein Privatleben zu retten?

In der Tat haben beide Regisseure vor dem Film etwas anderes gemacht. Aber nicht im sozialen, sondern ebenfalls im künstlerischen Bereich. Beide haben als Fotografen gearbeitet. Vielleicht ist deswegen ihr Film bei aller realistischen Genauigkeit kein quasi-dokumentarisches Sozialdrama, sondern visuell streng durchkomponierte Kunst. Die nervöse Spannung zwischen Distanzwünschen und Nähebedürfnis spiegelt sich in den Bildern – im Wechsel zwischen Großaufnahmen bis hin zum Detail und ruhigeren, beobachtenden (Halb)Totalen.

Es sind die Schwebezustände, die den Reiz des Films ausmachen. Wie schon der Titel andeutet, lebt die Geschichte von Widersprüchen, die bewusst nicht aufgelöst werden. Sind Manu und Jakob Parasiten, die andere aussaugen und benutzen? Eigentlich nein, denn sie gehen zart und sanft dabei vor. Aber irgendwie doch: Sie müssen von der Gesellschaft leben und deren Schwachstellen ausnützen. Dabei lässt sich der Anspruch der Zärtlichkeit nicht immer durchhalten. Um ihr eigenes Ding machen zu können, müssen sie Härte zeigen, unter anderem gegen sich selbst. Wegen dieser ebenso realistischen wie poetisch stimmigen Zweideutigkeit ist Zarte Parasiten ein ungewöhnlich kluger Titel für einen ungewöhnlich klugen Film.

Zarte Parasiten

Ist das nicht wirklich eine Marktlücke: Einsamen Menschen ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken – gegen Geld? Zwei junge Menschen erproben dieses Geschäftsmodell. Sie stoßen auf Probleme, mit denen sie nicht im Traum gerechnet haben. Fast zwangsläufig führt ihre Blauäugigkeit in einen moralischen Abwärtssog.
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