Yuli (2018)

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Ein Havanna wie aus dem Bilderbuch bietet den Hintergrund des opulenten Biopics „Yuli“, das den Aufstieg des kubanischen Balletttänzers Carlos Acosta aus bedürftigen Verhältnissen auf die ersten Bühnen der Welt beschreibt. Acosta, der sich zum Teil selbst darstellt, bietet dabei einige Kostproben seines tänzerischen Vermögens.

Yuli (2018)

Eine Filmkritik von Paul Katzenberger

Gerettet durch den Tanz

Lose basierend auf der Autobiografie Kein Weg zurück des kubanischen Ausnahme-Ballerinos Carlos Acosta zeichnen die spanische Regisseurin Icíar Bollaín und der britische Drehbuchautor Paul Laverty die Geschichte des Tänzers nach, der aus armen Verhältnissen in Havanna stammend eine phänomenale internationale Karriere hinlegt und als erster Schwarzer in der Geschichte des Londoner Royal Ballet den Romeo tanzt. Dabei hätte nicht viel gefehlt und Acosta wäre niemals Balletttänzer geworden – und hätte in dem Fall vermutlich weiterhin das entrechtete Leben seiner schwarzen Vorfahren gefristet. Wie er es doch zum Tanz-Star schaffte, erzählt das spanisch-britische Filmemacherpaar mit viel Sinn für die Macht der Kunst, aber auch mit einem guten Sinn für sozioökonomische und psychologische Hintergründe.

Wenn Filmemacher etwas von der Psychoanalyse verstehen, kann das nur von Vorteil sein. Das zeigt sich im neuen Werk Yuli auf eindrucksvolle Weise. Denn ihr Wissen um das tiefenpsychologische Phänomen der „Übertragung“, das auf Sigmund Freud zurückgeht, beschert dem Biopic über den kubanischen Ballerino dessen stärksten Auftritt.

In der Szene kann der Zuschauer mitverfolgen, wie der Tänzer – genannt Yuli - seine schlimmste Kindheitserinnerung in einer Choreografie noch einmal durchlebt: eine Tracht Prügel durch den Vater, so erbarmungslos, dass die Mutter fürchtete, der Sohn werde sie nicht überleben.

Acosta, der sich in dem Film ansonsten selbst spielt, schlüpft in dem Tanzstück allerdings in die Rolle des prügelnden Vaters, während er selbst von dem Tänzer Mario Sergio Elias dargestellt wird. Das ergibt durchaus Sinn. Denn Acosta ist auch der Choreograf der Darbietung und damit in einer Machtposition gegenüber dem Tänzer, die der eines Vaters gegenüber seinem Sohn vergleichbar ist. Die Angst des Kindes vor den Schlägen trägt Yuli allerdings noch immer in sich und „überträgt“ sie Freuds Theorie nach auf die veränderten sozialen Beziehungen, die er als erwachsener und international gefeierter Tänzer nunmehr pflegt. Und so hat die Choreografie bei all ihrer gewaltvollen Wucht auch eine friedlich-defensive Ästhetik, wodurch Bollaín eindrucksvoll auf den Punkt bringt, was Carlos rettete: Es war der Tanz.

Es sind solch kluge Konstruktionen, die Yuli zu einer bemerkenswerten Filmbiografie machen, die es schafft, die individuellen Erlebnisse ihres Protagonisten kunstvoll mit allgemeingültigeren Themen zu verweben, etwa der Frage danach, was große Kunst eigentlich ist.

Der Film profitiert dabei von zwei starken Impulsen: von dem Spannungsverhältnis, das sich aus dem gesellschaftsbewussten Drehbuch des Briten Paul Laverty im Gegensatz zur poetischen Regie Bollaíns ergibt, sowie einer kunstvoll-komplexen Montage. Sie wird von einer Rahmenhandlung getragen, in der es um den heutigen Acosta geht, der in Havanna mit einer Tanzkompanie ein Bühnenstück über sein Leben inszeniert.

Diese biografischen Kostproben außerordentlicher Tanzkunst sind für sich gesehen ein ästhetischer Genuss, doch dass sie die Höhepunkte des Biopics bilden, erreicht das Filmemacherpaar Bollaín und Laverty erst dadurch, dass sie sie mit den realen Erinnerungen des Tänzers verflechten. Denn so schaffen sie einen sehr konkreten Zugang zu Acostas Kunst.

Über Elias hinaus wird Yuli von zwei weiteren Schauspielern verkörpert: von dem zehnjährigen Edlison Manuel Olbera Núñez, der den kindlichen Yuli gibt, sowie von Keyvin Martínez, der als Acosta im jungen Mannesalter auftritt.

Der Film umfasst so einen Zeitraum von 40 Jahren: Er setzt in der Kindheit des Tänzers Ende der 1970er Jahre ein, als Yuli am liebsten Fußballspieler werden will. Doch er kann auch den Moonwalk Michael Jacksons ziemlich perfekt nachahmen, weswegen der Vater ihn auf die staatliche Ballettschule zwingt. Der Altvordere mag den neumodischen Straßentanz aus den USA zwar nicht, doch sein Sohn hat ihm mit seinen Breakdance-Einlagen klar gemacht, welch tänzerisches Talent in ihm steckt. Pedro, der als dunkelhäutiger Enkel einer Sklavin ein Leben lang unter rassistischer Diskriminierung gelitten hat, weiß sehr gut, dass sich seinem Sohn nicht sehr viel mehr Chancen auf den sozialen Aufstieg bieten werden – und dass er diese eine, die in seiner Befähigung liegt, verdammt noch mal ergreifen sollte.

Doch der junge Carlos schämt sich vor seinen Klassenkameraden und schwänzt den Tanzunterricht. Denn seine Mitschüler hänseln ihn, weil sie Ballett für etwas sehr Unmännliches halten. „Ich will Turnschuhe tragen, nicht so Strumpfhosen“, beklagt er sich: „Darin sehe ich schwul aus.“ Doch der Druck des mit harter Hand erziehenden Vaters und die Fürsorge der Tanzlehrerin Maestra Chery (Laura De la Uz) halten Acosta so lange auf dem rechten Weg, bis er selbst erkennt, welches Geschenk sein Talent bedeutet.

Was folgt, sind große Erfolge, wie der Gewinn der Gold-Medaille beim Prix de Lausanne 1990 oder die Aufnahme in die Kompanie des Londoner Royal Ballet acht Jahre später, in der Acosta als erster Schwarzer überhaupt den Romeo tanzt. Wie groß diese Ehre ist, lässt sich daran ermessen, dass der kubanisch-stämmige und ebenfalls dunkelhäutige Weltklasse-Ballerino Andrés Williams in den 1970er Jahren noch sehr auf die Rolle von Othello, Shakespeares „Mohr von Venedig“, festgelegt war. Williams habe sehr damit gehadert, den Prinz Albrecht in dem romantischen Ballettstück Giselle aufgrund seiner Hautfarbe nicht tanzen zu dürfen, schreibt Acosta in seiner Autobiografie von 2008.

Es sind die Triumphe in der Künstler-Biografie eines einstmals Aussichtslosen, die das Kino schon so oft mit einer großen Portion Puderzucker überzogen hat, und auch Yuli ist nicht frei von einem Pathos, der ins Kitschige reicht, wenn der Film die Erfolge Acostas in der Genugtuung des Vaters in vollen Zügen auskostet.

Doch nicht nur Feinbesaitete werden bei Yuli zu Tränen gerührt: Indem Bollaín und Laverty mehr erzählen als die Erfolgsgeschichte eines Underdogs und bis zum Schluss ganz ehrlich den Preis benennen, den ein solcher Aufstieg verlangt – etwa in puncto Entfremdung von den heimischen Wurzeln und des Zwangs, die eigene Identität laufend verteidigen zu müssen –, ist die gelegentliche Rührseligkeit des Films keine reine Effekthascherei.

Vielmehr ist dem Filmemacherpaar ein sehr hintergründiges Musikdrama gelungen, das nicht nur der Kunst huldigt, sondern auch etliche weitere Themen anschneidet, wie Familie, Verzicht, Männlichkeit, Schwarze Identität, Exil oder gar Tiefenpsychologie.

Yuli (2018)

In ihrem Film "Yuli" erzählt  Icíar Bollaín von dem kubanischen Balletttänzer Carlos Acosta, der trotz einer schweren Kindheit  und vieler Widerstände 17 Jahre lang festes Besetzungsmitglied des Royal Ballet am Royal Opera House in London war und der als erster dunkelhäutiger Darsteller einige berühmte Hauptrollen in bekannten Ballettstücken tanzte.

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Meinungen
Klarissa · 12.12.2018

Wunderschöner Film

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