You Drive Me Crazy

You Drive Me Crazy

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Wie man (sich) andere Kulturen erFÄHRT

Was haben wir in den letzten Jahren nicht alles gehört von alternativen Antrieben, von der Veränderung der Mobilität, von Jugendlichen, denen ihr Smartphone wichtiger ist als der Erwerb ihres Führerscheins, kurzum: vom Tod des Automobils. Und müssen doch immer wieder feststellen, dass dieses prognostizierte Ableben sich schon verdammt lange hinzieht. Von solcherlei Zukunftsszenarien zeigen sich die drei Protagonisten in Andrea Thieles und Lia Jaspers‘ „Dokumödie“ You Drive Me Crazy wenig beeindruckt. Was sie eint, ist der Wunsch, in einem fremden Land den Führerschein zu erwerben und sich damit ein Stück persönliche Freiheit und Mobilität zu erobern. Doch das ist gar nicht so einfach, denn dass in anderen Ländern andere Sitten herrschen, das merkt man nicht nur im Straßenverkehr, sondern schon bei der Kontaktaufnahme mit den Fahrlehrern.
Jacob Cates beispielsweise stammt aus den USA und versucht sein berufliches Glück ausgerechnet in Japan – dem so ziemlich einzigen Land auf der Erde, wo die amerikanische Fahrerlaubnis nicht anerkannt wird. Statt über etwaige historische Gründe dieser für Jake unglücklichen Ausnahmeregelung zu spekulieren, wird dem Zuschauer schon bei den ersten Trockenübungen mit seinem Fahrlehrer klar, warum das so sein könnte. In Japan, so gewinnt nicht nur Jake schnell den Eindruck, gleicht das Fahren einer zen-buddhistischen Übung – und die erfordert vor allem drei Dinge: Geduld, Gelassenheit und absolute Demut. Denn wenn bereits das Schließen der Autotür einem genauestens kalkulierten Ritual folgt, das ähnlich komplex ist wie eine akkurat ausgeführte Teezeremonie, ist es kein Wunder, dass man in Japan bereits durch die Prüfung rasseln kann, ohne auch nur den Zündschlüssel gedreht zu haben. Wobei der bisweilen auf dem Verkehrsübungsplatz etwas ungestüm zu Werke gehende Jake bereits froh wäre, überhaupt erst in Reichweite der praktischen Prüfung zu gelangen – er scheitert bereits im theoretischen Teil, den eigentlich jeder schafft, mit Pauken und Trompeten. Was seinen Fahrlehrer (der korrekterweise in Japan eher als „Fahrmeister“ bezeichnet werden müsste) Ryoji Tetsuya kurzzeitig immer wieder dazu bringt, seine stoische Gelassenheit und meditative Ruhe zu verlieren.

Turbulent geht es auch bei Mirela zu, die Deutschland und einem Job in der Modebranche den Rücken gekehrt hat, um in Indien als selbstständige Designerin zu arbeiten. Um zu den Lieferanten der Stoffe zu gelangen, die oft auf dem Land leben und arbeiten, ist sie auf den Führerschein angewiesen. Mit dem ihr eigenen Schwung und einer ungeheuren Energie stürzt sie sich in das Projekt und überrollt beinahe buchstäblich ihren Fahrlehrer und den stets anwesenden Übersetzer mit Gefühslausbrüchen und Bleifußattacken, die den beiden den Angstschweiß auf die Stirn treiben.

Ungleich leiser ist da schon die Begegnung der entzückenden Südkoreanerin Hye-Won, die mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn in München lebt und dort Musikwissenschaften studiert. Sie gerät bei ihren Fahrstunden an den bayerisch-grantelnden Christian Krieger, der zwar das Herz am rechten Fleck hat, der aber seiner manchmal etwas zerstreuten Schülerin nicht die kleinste Nachlässigkeit durchgehen lässt. Ausgerechnet der so zerbrechlich wirkenden Hye-Won widerfährt fernab der kleinen Dramen im Auto des Herrn Krieger schließlich eine echte Herausforderung, als ihr Mann nach Südkorea für seinen Militärdienst einberufen wird und auch ihr kleiner Sohn für die Zeit der Trennung in ihre alte Heimat gebracht wird. Fortan kämpft sie nicht mehr nur mit den komplizierten deutschen Verkehrsregeln, sondern vor allem mit Heimweh, Sehnsucht und dem Trotz, es trotzdem schaffen zu wollen im fernen München.

Zugegeben: Der Reiz des Konzepts von You Drive Me Crazy, der 2012 auf dem Filmfestival DOKLeipzig noch unter dem ursprünglichen Titel And Who Taught You To Drive? zu sehen war, erschließt sich erst auf den zweiten Blick – zumindest in der Theorie. Die praktische Prüfung meistert der Film aber souverän und mit viel Humor. Das liegt zum einen an den herrlichen Protagonisten und ihren nicht minder bemerkenswerten Fahrlehrern, die die beiden Regisseurinnen aus finanziellen Gründen via Skype casteten, bevor sie sich für jeweils einen Monat auf den Weg machten, um die Fahrschüler zu begleiten. Herausgekommen ist einer der komischsten Dokumentarfilme der letzten Zeit, der neben urkomischen Momenten ganz nebenbei reflektiert über das Fremdsein in einem fremden Land, über kulturelle Unterschiede und die ganz langsame und nicht immer behutsame Annäherung an die neue Heimat und die buchstäbliche Erfahrung derselben.

Das ist nicht nur überaus amüsant, sondern auf seine ganz eigene Weise auch überaus lehrreich – im Auto und bei den Fahrstunden, die wir hier sehen, kann man mehr über Mentalitäten und kulturelle Unterschiede lernen als in unzähligen schlauen Büchern über Interkulturalität. Übrigens entstand die Idee zu diesem Film auf ganz ähnliche Weise, wie die Regisseurin und ihre Drehbuchautorin bei der Vorstellung ihres Films beim DOKLeipzig Festival bekannten: Auf ihren Reisen hatten sie bemerkt, dass man allein schon am Fahrverhalten der Taxifahrer auf der Strecke zwischen dem Flughafen und der Unterkunft herauslesen kann, wie unterschiedliche Länder und ihre Bewohner ticken. Spätestens nach diesem Film ist man nicht nur geneigt, ihnen darin Recht zu geben – man bekommt zugleich (je nach individuellem Mut und persönlicher Frustrationstoleranz) unglaublich große Lust, selbst einmal ein fremdes Land, eine andere Kultur auf ähnliche Weise zu erFAHREN.

You Drive Me Crazy

Was haben wir in den letzten Jahren nicht alles gehört von alternativen Antrieben, von der Veränderung der Mobilität, von Jugendlichen, denen ihr Smartphone wichtiger ist als der Erwerb ihres Führerscheins, kurzum: vom Tod des Automobils. Und müssen doch immer wieder feststellen, dass dieses prognostizierte Ableben sich schon verdammt lange hinzieht. Von solcherlei Zukunftsszenarien zeigen sich die drei Protagonisten in Andrea Thieles und Lia Jaspers‘ ´Dokumödie´ „You Drive Me Crazy“ wenig beeindruckt.
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