Yi yi

Yi yi

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Gar nicht so kompliziert, das Leben

Im letzten Jahr verstarb der Regisseur Edward Yang aus Taiwan, der in seinen Filmen bestimmten gesellschaftlichen Gruppen und Phänomenen seine ganz eigene Betrachtungsweise zwischen traditioneller und aufbrechender Perspektive verlieh. Bei Yi yi aus dem Jahre 2000, zu dem er auch das Drehbuch schrieb und in einer kleinen Gastrolle als Pianist zu sehen ist, trat der zu diesem Zeitpunkt an Dickdarmkrebs Erkrankte zum letzten Mal als Regisseur auf, und dieser bekannteste seiner Filme, der beim Filmfestival von Cannes uraufgeführt und für den Edward Yang dort in der Kategorie Bester Regisseur ausgezeichnet wurde – nur einer von zahlreichen Preisen, die Yi yi errang –, kann zweifellos als würdiges, krönendes Abschlusswerk seines filmischen Schaffens bezeichnet werden.
Während mit einer fröhlichen Hochzeitsfeier in der Metropole Taipeh, die extra für den als glücklichsten errechneten Tag des Jahres anberaumt wurde, recht unspektakulär die weitläufig angelegte Geschichte einer städtischen Familie beginnt, erkrankt plötzlich die von allen geliebte Großmutter (Ru-Yun Tang) und fällt in ein todesnahes Koma. Die alte Dame wird zu Hause bei ihrem Sohn N. J. (Nianzhen Wu), dessen Frau Min-Min (Elaine Jin) und den Enkeln Ting-Ting (Kelly Lee) und Yang-Yang (Jonathan Chang) familiär versorgt, und auf Anraten des Arztes fordert Min-Min ihre Kinder und die anderen Verwandten auf, nichtsdestotrotz oft mit der Großmutter zu sprechen. Sie selbst jedoch zieht für eine Weile in den Tempel, um zur Ruhe zu kommen und für die kranke Frau zu beten, während ihre Familie von einigen Krisen geschüttelt wird.

Der kleine Yang-Yang beispielsweise, der nur allzu gern von seinen Cousinen und Mitschülern getriezt wird, weigert sich konsequenz, mit seiner Oma in diesem Zustand zu sprechen und hat es mit seinen umtriebigen Ideen nicht immer leicht, Verständnis zu finden, doch sein Vater N. J. bemüht sich sehr um ein gutes Verhältnis zu seinem eigensinnigen Sohn, seine eigene weniger erfreuliche Kindheit dadurch reflektierend. Doch auch N. J. sieht sich gerade einigen grundsätzlichen beruflichen Konflikten innerhalb seiner aufstrebenden Firma ausgesetzt, die er mit Teilhabern aus der Familie betreibt, und zudem begegnet er seiner Jugendliebe wieder, die er damals unvermittelt verließ und die offensichtlich nach all den Jahren noch immer sehr an ihm hängt. Doch am härtesten trifft es die pubertierende Ting-Ting, die gerade die ersten intensiven Erfahrungen auf dem Territorium der Freundschaft und auch der Liebe macht, die sie zutiefst verstören und in deren Zusammenhang es zu einer unerwarteten, heftigen Katastrophe kommt …

Trotz seiner umfangreichen Spielzeit von guten zweidreiviertel Stunden gelingt es Yi yi durch die mal geruhsame, dann wieder dramatische Darstellung der Zerissenheiten seiner Charaktere, den Zuschauer zu fesseln und vor allem auf das Finale hin durch überraschende, drastische Wendungen zu beeindrucken. Dabei vermag es der Film, durch unpathetisch inszenierte philosophische Betrachtungen ein Terrain zu eröffnen, das einige scheinbare Banalitäten des Lebens in kleine weise Kostbarkeiten verwandelt. So lichtet der kleine Yang-Yang, nachdem er die Fotografie als erquickliches Betätigungsfeld entdeckt hat, die Menschen seiner Umgebung stets von hinten ab, doch die pfiffige, signifikante Erklärung dafür liefert der Junge erst gegen Ende des Films.

Jenseits der gewaltigen Erschütterungen und Verzweiflungen, die alle Generationen dieser Familie und ihres Umfeldes erleben, gelangt Regisseur Edward Yang (Ma jiang / Mahjong, 1996, Kong bu fen zi / The Terrorizer, 1986, Gu ling jie shao nian sha ren shi jian / A Brighter Summer Day, 1991) jedoch keineswegs zu der Aussage, dass das menschliche Dasein ein kaum zu beherrschendes Chaos an Emotionen und Ereignissen sei, sondern es ist dennoch auffällig häufig vom Glück die Rede, hinter dessen Schein allerdings so mancher Horror lauert. Dennoch gestattet sich Yi yi letztlich die äußerst ernsthaft anmutende Haltung, dass das Leben im Grunde gar nicht so kompliziert sei – eine lakonische Perspektive nach all den tosenden Wirrungen, deren Universalität sich ebenso heilsam wie auch fatal auswirken kann, je der eigenen Einstellung oder Entscheidung nach.

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Im letzten Jahr verstarb der Regisseur Edward Yang aus Taiwan, der in seinen Filmen bestimmten gesellschaftlichen Gruppen und Phänomenen seine ganz eigene Betrachtungsweise zwischen traditioneller und aufbrechender Perspektive verlieh.
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