X&Y (2018)

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Es beginnt als Experiment, das zu einem Film werden soll: Die Künstlerin und Filmemacherin Anna Odell lädt den bekannten Schauspieler Mikael Persbrandt zu einer Performance in einer Fabrikhalle ein, in der sie gegenseitig ihre Identitäten dekonstruieren sollen.

X&Y (2018)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Die schwedische Künstlerin und Filmemacherin Anna Odell gilt als enfant terrible des an Reizfiguren nicht gerade armen skandinavischen Filmschaffens, ihre bisherigen Filme sind (vor allem im Fall ihres Debüts „Okänd, kvinna 2009-34970“) stets auch radikale Selbstbefragungen und soziale Versuchsanordnungen auf dem schmalen Grat zwischen Performance Art und Kinofilm.

Auch in ihrem neuen Film geht es wieder um sie selbst, aber auch um die Rollen, die Menschen innehaben, um Selbsterforschung und -auflösung, um Selbst- und Fremdwahrnehmung und ähnliche tiefgründige Fragen nach dem, was zwar nicht die Welt, aber doch die eigene Persönlichkeit im Innersten zusammenhält.

Der Ort ihres filmischen Experiments ist eine leerstehende Lagerhalle in Trollhättan, die mit Hilfe eines Setdesigners in modulartige Funktionseinheiten umgebaut wurde: Ein Verhörraum, zwei Schlafzimmer, eine Wohnküche, zwei Praxisräume von begleitenden Psychologen und andere Bereiche. Zu Beginn sieht man Anna Odell selbst und den ebenso bekannten wie (wegen seiner Drogen- und Alkoholsucht sowie seiner verführerischen Ausstrahlung) berüchtigten schwedischen Schauspieler Mikael Persbrandt in dem Verhörraum, wo sich die beiden einer radikalen gegenseitigen Selbstbefragung unterziehen und Anna Odell die Regeln und das Ziel des bevorstehenden Spiels festgelegt werden:  „I want to investigate identity and what it means to be human. As an artist, I will, together with Mikael Persbrandt, the actor, live in a studio for several periods of time. […] Mikael and I will cast actors, alter egos, who will portray different sides of us. […] Mikael and I will meet with a psychologist in order to process the events. Our work is meant to result in a feature film. […] And the great thing is that no one outside of the project will know what is reality and what is fiction.”

Die Alter Egos der beiden, die schließlich hinzustoßen, gehören zur Crème de la Crème der skandinavischen Schauspielzunft: Es sind Trine Dyrholm, Sofie Grabøl, Thure Lindhardt, Vera Vitali, Shanti Roney und Jens Albinus, die ganz unterschiedliche Aspekte der Persönlichkeiten der Charaktere verkörpern und dabei bei allem, was sie tun, stets in der Rolle bleiben sollen. Hinzu kommen Per Ragnar und Ville Virtanen als die beiden Psychologen, die den Protagonisten bei ihrem Selbsterfahrungstrip zur Seite stehen sollen. Aus dieser Situation heraus soll ein Skript und ein Film entstehen, den Odell dann zu drehen beabsichtigt.

Schnell allerdings stellt sich die Frage ein, ob sie das wirklich will oder ob das Ganze nicht vielleicht doch eine künstlerische Honigfalle ist, die dazu dienen soll, Persbrandt zu verführen: Fragen nach dem Fortschritt des Drehbuchs weicht sie konsequent aus, ihre Avancen an den gewieften Verführer werden immer offensichtlicher und drängender, bis die Alter Egos sichtlich genervt sind vom Geturtel der beiden und sich gegenseitig zu bekriegen beginnen. Überhaupt laufen die Aufenthalte immer mehr aus dem Ruder. Plötzlich sind zwei der Darstellerinnen angeblich schwanger und neben dem für seinen sexuellen Appetit bekannten üblichen Verdächtigen Mikael Persbrandt kommen auch anderen Teilnehmer in den Verdacht, als Erzeuger in Frage zu kommen. Und überhaupt stellt sich auch dem Zuschauer immer mehr die Frage, was hier eigentlich noch Wirklichkeit ist und was Fiktion? Sind Odell und Persbrandt wirklich nur sie selbst oder spielen sie auf besonders vertrackte Weise Rollen?

X & Y erinnert teilweise an die experimentelleren Werke von Lars von Trier: Die Fabrikhalle gemahnt an Dogville und Manderlay, das Konzept der (Selbst-)Dekonstruktion an The Five Obstructions, das Verwirrspiel um Realität und Fiktion an Idioten. Ihr Film ist eine Knoten ins Gehirn machende und überaus anregende Provokation, die auf den ersten Blick ganz simpel, in Wahrheit (oder Fiktion) aber in tiefste gedankliche Tiefen und Höhen des Sein und des Selbst führt. Meta, Baby, meta!

X&Y (2018)

Die schwedische Regisseurin und Künstlerin Anna Odell (The Reunion), vollführt in ihrem neuen Film X&Y ein soziales Experiment, mit dem sie die Geschlechterrollen unserer Zeit hinterfragt. In einer Lagerhalle konfrontiert sie sich und den schwedischen Schauspieler Mikael Persbrandt mit den eigenen Rollen und Erwartungen und lädt sieben weitere skandinavische Schauspieler*innen  (Trine Dyrholm, Jens Albinus, Vera Vitali, Shanti Roney, Sofie Gråbøl und Thure Lindhardt) ein, mit ihnen beiden zu leben und so eine Reihe von Alter Egos zu schaffen, die immer wieder in absurde Situationen geraten.

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